US-Abtreibungsgegner finden sich vor dem “March for Life” 2026 in paradoxer Lage: Trotz Supreme-Court-Urteils und massiver Beschränkung von Abbrüchen in republikanischen Bundesstaaten nimmt die Zahl von Abtreibungen zu.
Donald Trump will nicht persönlich auf die Mall kommen. Doch der Präsident verspricht, den Lebensschützern eine “schöne Botschaft” per Video zu senden. Live wird dagegen Vizepräsident J.D. Vance zu jenen Zehntausenden sprechen, die wie jedes Jahr seit dem Grundsatzurteil “Roe v. Wade” von 1973 “für das Leben” demonstrieren; diesmal unter dem Motto “Geschenk des Lebens”. Im Vorjahr hatte der Katholik Vance seinen ersten öffentlichen Auftritt nach der Amtseinführung demonstrativ auf den “March for Life” gelegt.
Das Blatt schien sich zugunsten der Abtreibungsgegner gewendet zu haben. Erst kassierte der Supreme Court 2022 das Grundsatzurteil, mit dem die Proteste einst begannen. Dann übernahmen die Republikaner die Kontrolle in beiden Kammern des US-Kongresses und im Weißen Haus. Einige Bundesstaaten verboten Abtreibungen gänzlich, andere schränkten sie massiv ein – 21 insgesamt.
Dennoch: Ein Jahr nach Trumps Amtsantritt sind die Abtreibungsgegner ernüchtert. In den USA ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nicht gesunken, sondern gestiegen. Laut einem Bericht des Forschungsprojekts #WeCount gab es 2024 etwa 1,14 Millionen Abtreibungen durch lizenzierte Anbieter in den USA; im Vorjahr waren es 1,06 Millionen. Das konservative “Charlotte Lozier Institute” bestätigt die Zahlen.
Hauptgrund für den Zuwachs ist die wachsende Bedeutung der Telemedizin. Ein Viertel der Frauen nutzt inzwischen entsprechende Angebote, um eine Schwangerschaft zu beenden. 2022 lag dieser Anteil noch bei nur fünf Prozent. “Die Abtreibungsverbote haben die Menschen nicht abgehalten, Hilfe zu suchen”, erklärt die Ko-Vorsitzende von #WeCount, Alison Norris.
Beide Seiten im Streit um den Lebensschutz sind sich einig, dass der Zugang zur Abtreibungspille “Mifepriston” über den Postweg eine neue Dynamik erzeugt hat. Die neue Präsidentin des “March for Life”, Jennie Bradley Lichter, nennt 2026 einen kritischen Moment für ihre Bewegung. “Wir arbeiten hart daran, Frauen vor dem rücksichtslosen Verkauf chemischer Abtreibungspillen und vor der räuberischen und eigennützigen Abtreibungsindustrie zu schützen.”
Botschaften des Präsidenten und kämpferische Worte seines Vizes Vance sind bei den Teilnehmern gewiss willkommen, reichen aber allein nicht aus. Die Enttäuschung ist groß, dass die Arzneizulassungsbehörde FDA unter einem Präsidenten Trump im September eine neue Generika-Version von Mifepriston genehmigte. Der enthaltene Wirkstoff wird heute bei zwei Drittel aller Abbrüche in den USA eingesetzt.
Die weite Verfügbarkeit der Abtreibungspille gibt den Teilnehmern des 53. “March for Life” einen Anlass, der weiter Zehntausende mobilisiert. Zu den angekündigten Rednern gehören neben Vance der Sprecher im Kongress, Mike Johnson, der Abgeordnete Chris Smith und Vertreter verschiedener Organisationen, die sich mit den katholischen Initiatoren verbündet haben.
Lichter meint, es sei “sehr inspirierend zu wissen, dass der Heilige Vater als junger Mann am ‘March for Life’ teilgenommen hat”. Leo XIV. ist der erste US-Amerikaner im Papstamt und gilt als Förderer des Anliegens.
Trump und Vance unterstützen den “March for Life” wohl vor allem aus wahltaktischen Gründen. Im Jahr der Zwischenwahlen wollen sie die wichtige Wählergruppe der Abtreibungsgegner mobilisieren. Inzwischen hegen einige den Verdacht, dass Trump nicht der “lebensfreundlichste Präsident aller Zeiten” ist, als der er sich selbst gerne verkauft.
Beispiel Hyde-Amendment. Benannt nach dem 2007 gestorbenen republikanischen Kongressabgeordneten Henry Hyde, verbietet die Regel öffentliche Finanzierung von Abtreibungen. Es ist kein permanentes Gesetz, sondern muss einzelnen Haushaltsgesetzen immer wieder neu beigefügt werden. Während das Amendment für die Pro-Life-Aktivisten nicht verhandelbar ist, forderte Trump die Republikaner im Repräsentantenhaus Anfang Januar auf, bei Haushaltsverhandlungen “flexibel” zu sein.
Trumps Bemerkung stieß auf Empörung. Kelsey Pritchard von SBA Pro-Life America warnte, einige in der Republikanischen Partei nähmen die Unterstützung der Pro-Life-Bewegung für selbstverständlich. Wenn die Republikaner ihr Engagement für ungeborene Kinder aufgäben, so Pritchard, “riskieren sie, die Zwischenwahlen zu verlieren.”