Wie soll das am besten gehen – an die Schoah in Sozialen Medien und anderswo in der digitalen Welt zu erinnern? Eine Konferenz in Berlin befasste sich zwei Tage lang mit allerlei Bedenken, aber auch neuen Möglichkeiten.
Yael Kupferberg erinnert sich an Gespräche mit ihren Verwandten. Es wurde gefragt und erzählt, Briefe, Tagebücher und Dokumente zeugten von dem, was ihre Familie erlebt hat – auch während der Schoah. “Uns prägen Erfahrungen und Erinnerungen”, so Kupferberg. Sie arbeitet in Potsdam am Moses-Mendelssohn-Zentrum für Europäisch-Jüdische Studien.
Und sie nahm an einer Konferenz in Berlin teil, die sich am Dienstag und Mittwoch mit der digitalen Erinnerungskultur, ihren Formen sowie Chancen und Risiken beschäftigte. Die Konferenz mit dem Titel “Digitale Horizonte. Die Transformation der Erinnerungskultur” wurde von der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland ausgerichtet.
Sie fand auch vor dem Hintergrund statt, dass es immer weniger Schoah-Überlebende gibt. Nach jüngsten Angaben der Claims Conference liegt die Zahl der verbliebenen Überlebenden des millionenfachen Mordens der Nazis weltweit bei etwa 200.000.
Für Kupferberg steht mit Blick auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz für Erinnerungsformate fest: “Ich bin sehr skeptisch.” Denn Erinnerung laufe neben persönlichen Gesprächen doch auch über sinnliche Eindrücke. Außerdem bestehe die Gefahr, dass Erinnerung in digitalen Medien wenig nachhaltig sein könne.
Auch andere Teilnehmende der Konferenz zeigten sich eher abwartend, was den Einsatz von virtuellen Realitäten (VR) angeht, in denen etwa Jugendliche mit VR-Brillen etwas über den Holocaust erfahren können. Oder den Einsatz von Hologrammen, für die Überlebende hunderte Fragen zu ihrem Schicksal, zur Schoah und zur NS-Zeit beantwortet haben. Diese virtuellen Abbildungen können so auch nach dem Tod der Zeitzeugen von Menschen befragt werden.
Fachleute pochten darauf, rote Linien nicht zu überschreiten und respekt- und verantwortungsvoll mit Überlebenden und deren Erfahrungen umzugehen. Christina Brüning, Professorin für Didaktik der Geschichte an der Philipps-Universität Marburg, zeigte sich überzeugt, dass es Grenzen des Darstellbaren, des Kommunizier- und Verstehbaren gebe: “Auschwitz ist nicht fassbar.”
Oliver Schreer, der zu 3D am Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut forscht, warnte vor Manipulationen in technisch erzeugten Projekten. Und: “Ethische Prinzipien sind extrem wichtig.” Virtuelle Realitäten könnten gleichwohl ein Zugang sein, der bestimmte Schülerinnen und Schüler anspreche. Künftig werde die Erinnerung multimedialer.
Trotz aller Multimedialität betonte die Auschwitz-Überlebende und Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees, Eva Umlauf, dass digitale Formen der Erinnerung lediglich ein Teil des Gedenkens seien – neben Erzählungen, Büchern oder Filmen. Die 83-Jährige aus München kritisierte Formate in Sozialen Medien, in denen das Leben von Überlebenden in 90 Sekunden erzählt werde: “Das ist nicht möglich.” Auch dann nicht, wenn Jugendliche heute oft nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne hätten.
Frederek Musall, Professor an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, verwies ebenfalls auf “Aufmerksamkeitsökonomie”: Man habe 30 bis 60 Sekunden, um in Sozialen Medien Inhalte so aufzubereiten, dass sie wahrgenommen würden. Es stellten sich dann aber Fragen wie: Was bleibt bei den Usern? Und, über was genau ist man tatsächlich informiert? Das fordere Akteure an Unis, aber auch an Schulen heraus.
Teilnehmende der Konferenz unterstrichen allerdings auch Chancen von Erinnerungsformaten in Sozialen Medien – etwa, um jüngere und an Soziale Medien gewöhnte Zielgruppen überhaupt zu erreichen, mitunter auch über eine Verbindung von Fakten, Informationen und Emotionen. Was andere wiederum kritisch sahen und vor “Histotainment” warnten.
Für den Präsidenten des Zentralrats, Josef Schuster, besteht das Ideal in der Verzahnung von Analogem und Digitalem. Und zugleich müsse man um die Gefahren in der digitalen Welt wissen.
Der KI auf die Sprünge helfen – dafür plädiert Rüdiger Mahlo, Europa-Repräsentant der Claims Conference. Will heißen: Dadurch, dass Primärquellen etwa in Archiven mehr und mehr digitalisiert würden, werde damit letztlich auch Künstliche Intelligenz gefüttert. “Ich hoffe, dass KI das Wort Intelligenz unterstreicht.”