„Es gab eine Zeit, in der ich es akzeptiert hatte, die letzte Strecke meines Lebens allein zu gehen. Ich hatte begonnen, mich auf das Alleinsein mit mir zu freuen, die Einsamkeit nicht nur zu bejahen, sondern zu wünschen.“ Und dann wird diese Frau, eine Schriftstellerin, hinter der unschwer die Autorin zu erkennen ist, von einer leidenschaftlichen, starken Liebe überwältigt.
Sie ist über 70 Jahre alt, der Mann, in den sie sich verliebt, noch älter. Aber er beherrscht den Kopfstand und geht im Winter täglich eisbaden, wirkt vital und lebensfroh. Im Zusammenleben mit dem alternden Mathematikprofessor erfährt die Ich-Erzählerin zum ersten Mal, was Liebe ist: dass Liebe nicht nur ein schönes Gefühl, sondern vermutlich die größte Herausforderung ist, die es im Leben gibt. Nur wenn wir lieben, leben wir. Ohne Liebe ist alles stumm und tot. Um das zu lernen und in der Bedeutung für das eigene Leben zu begreifen, musste die Erzählerin 80 Jahre alt werden.
Späte Liebe, große Last
Als die beiden alten Menschen begannen, zusammenzuleben, wussten sie, dass sie nicht viel gemeinsame Zeit haben, dass der Tod sie bald wieder trennen würde. Gequält beschreibt die Erzählerin den körperlichen Verfall beider. Den normalen Alltag zu bewältigen wird immer mehr zu einer anstrengenden, kräftezehrenden Aufgabe. An Handstand und Eisbaden ist längst nicht mehr zu denken, ebenso wenig wie an lange Spaziergänge.
Zwischen dem großen Glück ihrer späten Liebe und der Verzweiflung über die abnehmenden Kräfte, über den nahenden Tod bewegen sich die Aufzeichnungen der Erzählerin. Obwohl sie weiß, dass sich ihre körperliche Verfassung nicht verbessern wird, empfindet sie das Alter gelegentlich als „immense Lebenserweiterung“, im nächsten Augenblick aber wieder als Albtraum, aus dem sie nie wieder erwachen wird. Das vorliegende Buch ist kein Roman. Es sind bedachtsam aneinandergereihte Beobachtungen, Überlegungen und Erinnerungen, die junge und alte Menschen beunruhigen, beglücken und auch nach der Lektüre weiter bewegen.
Natascha Wodin: Die späten Jahre. Rowohlt Verlag, Hamburg 2025. 287 Seiten, 24 Euro.
