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Zoodirektoren über alternde Tier-Bewohner – Artenschutz gefährdet?

In vielen Zoos gibt es zu wenig junge und zu viele ältere Tiere. Eine neue Studie besagt, dass dadurch der Artenschutz gefährdet sei. Wie sieht es an Zoos in Deutschland aus? Und was passiert mit alten Tieren?

Grauhaarige Affen, Bären mit Gelenkbeschwerden, Gorillas ohne Zähne: Deutschlands Zootiere werden immer älter. Eine aktuelle Studie der Universitäten Zürich und Frankfurt am Main besagt, dass es zu wenig junge und zu viele ältere Tiere in europäischen und nordamerikanischen Zoos gibt. Dadurch sei der Artenschutz – ein Argument für den Erhalt von Zoos – gefährdet.

Eine stabile, widerstandsfähige Tierpopulation weist typischerweise eine pyramidenförmige Altersstruktur auf: Viele junge und fortpflanzungsfähige Tiere bilden die Basis, während der Anteil älterer Tiere nach oben hin abnimmt. Solche Populationen sind demnach besser etwa für Krankheitsausbrüche gewappnet.

Für Andreas Knieriem, Direktor der beiden Berliner Zoos mit 30.000 Tieren, darunter der älteste und meistbesuchteste Zoo in Deutschland, hat das Thema viele Facetten. “Es stimmt, die Tiere bei uns im Zoo werden immer älter – viel älter als in der Natur. Das liegt daran, dass sie bei uns eine gute Vorsorge bekommen, bestmögliches Futter und auch eine gute tierärztliche Versorgung”, sagt der 60-Jährige, der selbst Tierarzt ist. Zudem fehlten natürliche Fressfeinde: “Manche Tiere bei uns im Zoo werden wirklich uralt.” Ingo, der Flamingo, zum Beispiel – der über 70 Jahre alt wurde. In der Wildbahn werden Flamingos nur etwa 30 Jahre alt.

Die Überalterung habe auch alle möglichen Erkrankungen zur Folge – “eigentlich ganz ähnlich wie beim alternden Menschen”, sagt Knieriem. Manche werden blind, andere leiden an Verkalkung in den Gefäßen – “und unsere Gorilla-Dame Fatou, 68 Jahre alt, hat keine Zähne mehr im Mund”. Damit sie sich in ihrem hohen Alter wohlfühle und zurecht komme, brauche sie eine eigene Anlage – “wie andere ältere Tiere auch. Man kann eine so alte Dame ja nicht im Kindergarten lassen.” Platz, der dann wiederum für Jungtiere fehle, die für die Arterhaltung wichtig sind, wie der Experte zugibt.

Es müsse je nach Tierart unterschieden werden, wie man mit der Überalterung und dem Mangel an Nachwuchs umgehe, sagt Knieriem. Und: Natürlich sei es eine wichtige Aufgabe von Zoos, Artenschutz von aussterbenden Arten zu gewährleisten.

Eine gezielte Tötung von älteren Tieren, wie sie der Zürcher Studienleiter Marcus Clauss laut Medienberichten vorschlägt, ist für ihn indes keine Lösung. “Das wird im Berliner Zoo so nicht stattfinden”, betont er. “Alter allein kann nicht das Kriterium für eine Tötung sein. Dies kommt für mich nur in Frage, wenn das Tier leidet. Ich habe mich dem Interesse des Individuums verschrieben, als Tierarzt ist das Teil meines Berufsethos’. Ich bin froh, dass Fatou ihren Lebensabend bei uns genießen kann.”

Biologen würden die Sache allerdings wahrscheinlich ein wenig anders beurteilen: “Ihnen geht es mehr um die Gesamtpopulation”, sagt Knieriem.

Das bestätigt der Kollege in Köln, Zoodirektor Theo Pagel, der Biologe ist und Leiter des drittältesten deutschen Zoos mit über 10.000 Tieren. “Eine Tötung von älteren Tieren kann im Einzelfall für den Erhalt der Art nötig sein, wenn auch nur als letztes Mittel”, erklärt Pagel – auch wenn es besondere Projekte gebe, um Jungtieren in Zoos mehr Platz zu bieten, wie in Karlsruhe etwa eine Art Seniorenheim für Elefanten.

In anderen Ländern – zum Beispiel in Dänemark – erlaube das Gesetz bereits jetzt das Töten von Tieren im Zuge des Populationsmanagements, erklärt Pagel. “In Deutschland darf man Tiere nur töten, wenn ein ‘vernünftiger Grund’ vorliegt – also töten und wegwerfen darf man nicht. Ein Tier im Zoo töten, um es als Nahrung an andere Tiere zu verfüttern, wäre aber zum Beispiel erlaubt”, so der Fachmann.

Dabei gehe es mit Blick auf die Population nicht nur um Artenschutz: Die jetzt vorgelegte Studie zeigt auch, dass fehlender Nachwuchs die Sozialstruktur vieler Tierarten beeinträchtige.

Fortpflanzung und Aufwuchs gehöre zu den Grundbedürfnissen von Tieren, erklärt auch Pagel. “Man muss Nachwuchs züchten, damit die Tiere lernen, wie man aufzieht. Früher hat man Elefanten bei der Geburt separiert, damit sie ihre Ruhe hatten. Heute erlauben wir die Geburt in der Gruppe. Sie sollen das mitbekommen, damit sie entspannter sind und wissen, was sie zu tun haben, wenn es sie selbst betrifft. Wenn Geburt und Aufzucht über einen bestimmten Zeitraum nicht stattfinden, dann riskiert man, dass die Tiere das nicht mehr können.”

Er ist der Meinung, dass es eigentlich mehr Zoos in Deutschland geben müsse – und nicht weniger: “Es gibt weltweit fast 3.000 Arten, die ohne die Zucht in Menschenhand aussterben werden. Wir brauchen Biodiversität, Artenvielfalt, das ist für die Menschheit existenziell. Wenn wir im Zoo eine neue Tierart anschaffen, dann achten wir darauf, dass es eine geschützte Tierart ist.”

Zudem sei der Zoo nicht allein dafür da, Tierarten zu erhalten. “Wir sind auch eine Bildungseinrichtung, damit Menschen den Kontakt zur Natur nicht verlieren”, erklärt Pagel. Gerade in Städten lasse das immer mehr nach.

Das findet auch der Berliner Zoodirektor Knieriem: “Ein Zoo hat die Aufgabe, Menschen für sich einzunehmen und für Natur und Tiere zu begeistern”, sagt er. “Wer sich erfreuen kann an der Größe einer Giraffe, der wird die Natur anders betrachten. Was ich liebe, das schütze ich auch.”

Dass manche Gäste sich fragen, ob es im Zoo für die Tiere wirklich schön sei, wenn sie einen Tiger hinter der Glasscheibe hospitalistisch hin- und her wandern sehen, kann Knieriem trotzdem nachvollziehen. “Es gibt diese ‘Manegebewegung’, wie wir das nennen, bei manchen Tieren noch”, sagt er. “Allerdings muss man auch sagen, dass sich Zoos in den letzten 20 Jahren massiv verändert haben. Wir bauen die Gelände regelmäßig naturnah um, damit die Tiere neuen Reizen ausgesetzt sind, und sie sind in der Regel viel größer. Früher lag der Fokus auf funktional und hygienisch.”