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ZDF-Doku über Jan Marsaleks Agentenleben in Russland

Eine ZDF-Doku bringt ihr Publikum auf den Zwischenstand im keineswegs abgeschlossenen “Agententhriller” um den Milliardenbetrüger, Wirecard-Vorstand und russischen Spion Jan Marsalek.

Dies sei ja echt ein “Agententhriller”, wird in der 45-minütigen Doku mit dem etwas missverständlichen Titel “Wirecard – Russlands Top-Spion Jan Marsalek” nicht nur einmal gesagt. Tatsächlich wurde dessen Geschichte bereits wiederholt dokumentarisch, dokudramatisch und auch fiktional verfilmt. Was keinesfalls schadet und auch jetzt wieder spannend bleibt, weil sie keineswegs abgeschlossen ist. Jan Marsalek lebt unter einer neuen Identität in Moskau. Westliche Journalisten konnten anhand von Handydaten seinen Bewegungsradius rekonstruieren, der bis in die angegriffene Ukraine reichte. Er scheine “zufrieden mit seinem neuen Leben” zu sein, schließt der Film aus seinem Gesichtsausdruck auf online verfügbaren Fotos.

Los geht es mit einer offenkundig von Bodycams schwerbewaffneter Polizisten gefilmten Razzia 2023 an der englischen Ostküste. Von da ab schlüsselt Filmautor Volker Wasmut Marsaleks bisherige Vita auf. Bei der Razzia wurden 221 Telefone, 495 SIM-Karten, elf Drohnen sowie in Colaflaschen und Plüschtieren versteckte Kameras entdeckt. Und wahrscheinlich wurde das Leben des bulgarischen Investigativjournalisten Christo Groszev gerettet.

2010 zog der junge Österreicher Marsalek noch vor seinem 30. Geburtstag in den Vorstand der später auch im DAX notierten Digitalfirma Wirecard ein. Noch bevor Wirecards Machenschaften in Sachen Bilanzfälschung aufflogen, begann Marsalek als Chief Operations Officer der AG, unbemerkt dreistellige Millionensummen beiseite zu schaffen, wurde für den russischen Geheimdienst aktiv und begann ein weiteres Doppelleben. So konnte er, als Wirecard 2020 zusammenbrach, per Kleinflugzeug nach Minsk und Russland fliehen – nur Tage, bevor er per Haftbefehl international gesucht wurde.

Zu den Vorzügen der schnellen, dichten Doku gehört, die unterschiedlichen Ebenen recht übersichtlich aufzuschlüsseln. Die Namen der (schon wegen des Jetset-Lebens, das Marsalek führte, solange er frei reisen konnte) oft wechselnden Schauplätze sind dreidimensional ins Bild geschrieben. Viele Gesprächspartner, zumeist Journalisten wie Dan McCrum von der “Financial Times”, die die Betrügereien hinter Wirecards Erfolgsgeschichte früh entdeckte, beleuchten unterschiedliche Perspektiven. Bei den – nicht wenigen – nachgestellten Szenen wird per Textinsert darauf hingewiesen und die Gründe benannt, warum es sie braucht: Zumindest in manchen Situationen vermied es der sonst nicht eben scheue Marsalek, Aufnahmen von sich zu veröffentlichen.

Manches Rätselhafte dient aber auch bloß der Spannungsmache. Warum etwa lässt sich ein Gesprächspartner, der eher banale Infos beisteuert, noch heute hochgradig anonymisieren? Oder schlummert in Andeutungen, dass Marsalek schon in Münchener Zeiten ein Fan Donald Trumps gewesen sei, unentdeckte Brisanz? Manches an der Geschichte muss rätselhaft bleiben. Warum etwa versuchte Marsalek 2015, als er noch der Topmanager war, zugleich, in der libysche Wüste eine Söldnerarmee aufzubauen? Und manches muss man bei Zuschauen abstrahieren: Nach Russland zu reisen und dort Geschäfte zu machen, war bis zum russischen Angriff auf die Ukraine 2022 weder verpönt noch auch nur ungewöhnlich.

Manches in der Marsalek-Saga verdiente eigentlich noch mehr Interesse, zum Beispiel frühe “Scan and pay”-Videos, mit denen Wirecard fürs bargeldlose Bezahlen warb. Damit war die Firma zum vermeintlichen, auch von Mitgliedern der damaligen Bundesregierung hofierten Hoffnungsträger der deutschen Wirtschaft avanciert. Doch um Wirecard geht es trotz des Doku-Titels eher nur am Rande.

Und so fehlt in den knappen 45 Minuten einiges. Zwar spricht am Anfang Fabio de Masi, seit kurzem BSW-Partei-Vorsitzender und bis 2021 Mitglied im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags, von einem deutschen “Geheimdienst-Skandal”. Doch bei der Frage, ob der Bundesnachrichtendienst verpeilte, dass ein Topmanager eines deutschen Unternehmens mit Zugang zu jeder Menge sensibler digitaler Daten für einen gegnerischen Geheimdienst arbeitete, oder aber selber mit ihm Verbindungen hatte, landet die Doku erst wieder vier Minuten vor Schluss. Mit dem unbefriedigenden Ergebnis, dass es weiter dazu nichts Neues gibt – außer der Anregung des Grünen Konstantin von Notz, den Skandal nochmals “sauber aufzuarbeiten”. Was angesichts der aktuellen Weltlage nicht gerade realistisch ist.

Genauso wenig enthält der Film tiefere Erkenntnisse zu Verbindungen Marsaleks in sein Geburtsland Österreich. Das könnte wiederum damit zusammenhängen, dass an der attraktiv agententhrillerhaft inszenierten Geschichte unterschiedliche Journalistenteams recherchieren. Kürzlich veröffentlichte hier die “Süddeutsche Zeitung” Neues. Das Blatt kooperiert seit gut zehn Jahren in einem Recherche mit den ARD-Anstalten NDR und WDR – wohingegen die ZDF-Doku natürlich die gemeinsamen Recherchen des ZDF-Magazins “Frontal” mit “Spiegel” und “Handelsblatt”, deren Investigativreporter im Film zu Wort kommen, in den Vordergrund stellt.

Und so bringt der 45-Minüter den Zuschauer kompakt auf den Stand, der freilich nur sein Zwischenstand sein kann. Potenzial für Fortsetzungen bietet der Stoff also weiterhin.