Lange verdrängten die Deutschen die Schrecken des Holocausts. Mit einer historischen Entscheidung gab Bundespräsident Herzog dem Gedenken einen Rahmen.
Er war der Bundespräsident mit der “Ruck-Rede”. “Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen”, so forderte Roman Herzog 1997 einen gesellschaftlichen Aufbruch.
Doch Herzog war auch das Staatsoberhaupt, das den 27. Januar zum nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erklärte. Den Tag, an dem russische Truppen 1945 das Vernichtungslager Auschwitz und die letzten 7.000 Überlebenden befreiten. Vor 30 Jahren, am 19. Januar 1996 fand erstmals eine Gedenkveranstaltung im Bundestag statt. Seit 2005 ist der Tag auf Beschluss der UN auch der Internationale Holocaust-Gedenktag.
Herzog hatte eine Anregung von Ignatz Bubis aufgegriffen, dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden. “Der 27. Januar soll dem Gedenken an die Opfer der Ideologie vom ‘nordischen Herrenmenschen’ und von den ‘Untermenschen’ und ihrem fehlenden Existenzrecht dienen”, so definierte der Bundespräsident den Inhalt. Die Befreiung von Auschwitz – Symbol für den letztlichen Sieg des Rechtes und der Menschlichkeit über Terror und Hass.
Erinnert wird seitdem am 27. Januar an die Millionen Opfer der NS-Verfolgung, Ausbeutung und Vernichtung. Dies umfasst Opfergruppen wie Juden, Sinti und Roma, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Opfer des Vernichtungskrieges in Osteuropa sowie Menschen, die als Homosexuelle, mit Behinderung, als sogenannte Asoziale oder aus politischen oder religiösen Motiven verfolgt wurden.
In der ersten Gedenkstunde am 19. Januar 1996 – dass der Bundespräsident am eigentlichen Gedenktag auf einer Auslandsreise sein würde, zeigte, dass die Aktion mit heißer Nadel gestrickt war – begründete Herzog seine Initiative im Bundestag unter anderem damit, dass die Generation der Zeitzeugen bald aussterbe. Erinnerung verblasse – selbst die Erinnerung an unaussprechliche Barbarei.
Es gehe auch nicht mehr zuerst um Schuldfragen, betonte der Bundespräsident. “Wir wollen Lehren ziehen, die auch künftigen Generationen Orientierung sind.” Dazu gehöre beides: die Folgen von Rassismus und Totalitarismus zu erkennen. Und außerdem – diese Mahnung richtete Herzog insbesondere an die Jugend – zu erkennen, dass die Anfänge von Diktatur und Unfreiheit “oft im Kleinen, ja sogar im Banalen” liegen könnten.
Herzog warb zugleich dafür, neue Formen des Gedenkens zu entwickeln. “Gedenkstunden allein nehmen nur allzu leicht den Charakter von Pflichtübungen oder Alibiveranstaltungen an.” Die Bürger sollten wenigstens einmal im Jahr selbst über das damals Geschehene nachdenken. Insbesondere Schulen und Medien sollten dazu beitragen.
Bundesweit setzen seitdem staatliche Institutionen am 27. Januar die Fahnen auf halbmast. Im ganzen Land finden Gottesdienste, Lesungen, Zeitzeugengespräche und Bildungsprojekte statt. Die größte Aufmerksamkeit aber erzielt die Gedenkstunde im Bundestag – vor allem über die Reden, die meist von Überlebenden des Holocausts gehalten wurden.
Unter ihnen waren Imre Kertész, Anita Lasker-Walfisch, Ruth Klüger und Marcel Reich-Ranicki. Der Literaturkritiker beschrieb 2012 mit 91 Jahren, wie er am Tag der Auflösung des Warschauer Ghettos im Judenrat Protokoll führen musste, als der SS-Offizier den Deportationsbefehl diktierte.
2011 sprach mit dem Holocaust-Überlebenden Zoni Weisz erstmals ein Vertreter der Sinti und Roma; 2017 erzählten Nachkommen von ihren Angehörigen, die aufgrund einer Behinderung ermordet worden waren. Und auch viele weitere Seiten der Entrechtung und Vernichtung wurden thematisiert. So wies die Auschwitz-Überlebende und Schriftstellerin Ruth Klüger 2014 auf das tabuisierte Schicksal von Frauen hin, die zur Prostitution gezwungen worden waren. 2024 sprachen die Holocaustüberlebende Eva Szepesi und der Sportjournalist Marcel Reif, Sohn eines Holocaust-Überlebenden, stellvertretend für die erste und zweite Holocaust-Generation.
Doch warum erst mehr als 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein nationaler Gedenktag? In der Nachkriegszeit verdrängten die Deutschen das Geschehen. Selbst die Frankfurter Auschwitz-Prozesse in den 1960er und 70er Jahren konnten die Aufmerksamkeit nur wenig erhöhen. Erst die Studentenbewegung und eine scheinbar triviale amerikanische Fernsehserie veränderten die Situation: Mit “Holocaust” wurde Ende der 70er Jahre lange Verschüttetes freigelegt.
In den 90er Jahren setzte ein Wandel ein. Die Tätergeneration trat von der politischen Bühne ab. Ab 1995 sorgte die Auseinandersetzung um die Wehrmachtsausstellungen dafür, dass die breite Öffentlichkeit erfuhr, dass nicht nur SS und Einsatzkommandos Kriegsverbrechen begangen hatten. Über Jahre war das Holocaust-Gedenken politischer Konsens. Bis die AfD 2017 in den Bundestag einzog – und ein Ende des “Schuldkults” forderte.