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Wenig Forschung und kein Geld – Der zähe Kampf gegen Lepra

Eine “Strafe Gottes” – so wurde die Infektionskrankheit Lepra lange bezeichnet. Aus Europa längst verschwunden, leiden im Globalen Süden vor allem verarmte Menschen ohne Lobby an den Folgen. Das muss nicht sein.

Lepra lässt sich heute so gut behandeln wie nie zuvor. Trotzdem kommt es täglich zu mehreren hundert Neuinfektionen. Denn es fehlen finanzielle Ressourcen und der Druck des Globalen Nordens, die Krankheit zu eliminieren. Anlässlich des Weltlepratags, der stets am letzten Sonntag im Januar begangen wird, beantwortet die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) Fragen rund um die Infektionskrankheit.

Lepra ist eine nicht tödliche Infektionskrankheit und wird durch den Erreger Mycobacterium leprae ausgelöst. Er befällt die Haut und das Nervensystem und zerstört diese. Der norwegische Arzt Gerhard Armauer Hansen entdeckte die Krankheit 1873. Drei bis vier Jahre beträgt die Inkubationszeit; es können aber auch Jahrzehnte vergehen. Lepra ist eine der 20 vernachlässigten Tropenkrankheiten der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Fast ausschließlich in Ländern des Globalen Südens; auf dem afrikanischen Kontinent verzeichnen beispielsweise Äthiopien, Nigeria und Togo Neuerkrankungen. Betroffen sind auch Länder in Lateinamerika und Asien. So werden laut Deutscher Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) etwa in Pakistan jährlich mehr als 200 Neuerkrankungen registriert. Gleichzeitig konnten dort große Erfolge verzeichnet werden: Innerhalb von 20 Jahren wurden die Fallzahlen um 84 Prozent verringert. Auf Lepra in Pakistan machte über Jahrzehnte die Ordensfrau Ruth Pfau (1929-2017) aufmerksam. Das von ihr gegründete Zentrum MALC in Karachi wird auch von der Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe DAHW unterstützt, die seit Jahrzehnten in Pakistan arbeitet.

Lepra gilt als Armutskrankheit; Erkrankte haben oft keinen Zugang zum Gesundheitssystem, was Vorsorge, Diagnose und Behandlung schwierig macht. Diese Spirale setzt sich fort. Die “Strafe Gottes”, wie die Krankheit lange genannt wurde, geht bis heute mit Stigmatisierung einher. Betroffene trauen sich nicht, ärztliche Hilfe – wenn überhaupt in erreichbarer Nähe – aufzusuchen. Ist es bereits zu Behinderungen gekommen, wirken sich diese wiederum auf die finanzielle Lage aus: Erkrankte können nicht mehr arbeiten und rutschen noch tiefer in die Armut.

Das hat zahlreiche Gründe. Als Armutskrankheit haben Betroffene keine Lobby, was sich in der Forschung spiegelt. Anil Fastenau, Arzt und Berater für Globale Gesundheit und Forschung bei der DAHW, kritisiert im Gespräch mit der KNA: “Bis heute gibt es keinen Impfstoff.” Zwar werde mit LepVax schon sehr lange an einem solchen gearbeitet. “Aber die Entwicklung dauert einfach viel zu lange und wird auch nicht sonderlich schnell vorangetrieben wie bei anderen Erkrankungen.” Wie schnell das gehen kann, wenn der Druck groß genug ist und Menschen im Globalen Norden betroffen sind, habe die Corona-Pandemie gezeigt.

Ab 1982 führte die WHO eine zeitlich begrenzte Kombinationstherapie mit Rifampicin, Dapson, Clofazimin ein, was zwischen sechs und zwölf Monate eingenommen werden muss. Eine lebenslange Therapie ist nicht nötig. Trotzdem ist die Bekämpfung aufwändig, da es sich um eine Infektionskrankheit handelt. Medizinische Teams müssen Erkrankte besuchen und in Erfahrung bringen, mit welchen Menschen sie in Kontakt stehen, ob es Umzüge gab. Denn bei Bedarf erhalten Kontaktpersonen eine Einzeldosis Antibiotikum. Die Menschen jedoch in ländlichen Regionen aufzusuchen, erfordert viel Manpower, was bezahlt werden muss.

“Wir hatten in den vergangenen 50 Jahren noch nie so gute Tools wie heute. Doch jetzt fehlen uns die Ressourcen”, sagt Mediziner Fastenau. Die finanziellen Kürzungen seien spürbar. Auch würden Krankheiten miteinander konkurrieren. Länder im Globalen Süden müssten sich deshalb darauf einstellen, dass immer weniger Gelder von außen kommen. Deshalb müssten die Verantwortlichen stark priorisieren, so Fastenau. Dabei handelt es sich vielfach um Länder mit mangelnder Gesundsheitsversorgung. Viele würde nicht einmal über Notfallmedizin verfügen.

Zum Hautscreening und für frühzeitige Diagnosen testet die DAHW derzeit die Belle.ai-App. Nach Einschätzung Fastenaus soll die Erprobungsphase in spätestens zwölf Monaten abgeschlossen sein.

In Europa ist die Krankheit längst in Vergessenheit geraten. Weltweit gab es nach DAHW-Angaben 2024 aber mehr als 172.000 Neuinfektionen, davon über 9.000 bei Kindern. “Im Schnitt gehen wir von 471 Neuinfektionen pro Tag aus”, so DAHW-Vorstand Patrick Georg. Die Dunkelziffer sei nicht eingerechnet. Um das zu ändern, brauche es, so Fastenau, viel Zusammenhalt, Aufklärungsarbeit und politischen Willen. “Niemand soll heute mehr an den Folgen von Lepra leiden.” Letztendlich gehe es um die Frage von Gleichberechtigung, betont der Arzt.