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Was Militärseelsorge leistet – Neue Studie zeigt hohe Zustimmung

Trotz Distanz vieler Soldaten zur Kirche: Eine neue Studie zur Militärseelsorge zeigt eine breite Akzeptanz in der Bundeswehr. Die Ergebnisse der mehrjährigen Studie und Befragung von 7.000 Soldaten im Überblick.

Was kann und was leistet die Militärseelsorge? Unter dieser Leitfrage hat das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland rund 7.000 Soldatinnen und Soldaten in einer repräsentativen Umfrage befragt. Insgesamt zeigt sich, dass die Militärseelsorge trotz gesellschaftlicher Säkularisierungstendenzen in den Streitkräften eine enorme Akzeptanz genießt – auch bei konfessionslosen Soldaten. Das großangelegte Forschungsprojekt in Kooperation mit dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr lief von 2019 bis 2023. Nun ist der Auswertungsband erschienen.

Laut Studie befürworten 91 Prozent der Soldatinnen und Soldaten die Militärseelsorge im Grundbetrieb vor Ort und 95 Prozent bei Auslandseinsätzen. Diese hohen Werte seien stabil und hingen nur bedingt von der persönlichen Religiosität ab. Gut die Hälfte der Befragten hat Angebote der Militärseelsorge bereits in Anspruch genommen und würde dies auch wieder tun. Rund 30 Prozent gaben an, dass die Militärseelsorge ihre Einstellung zu Religion und Kirche positiv beeinflusst habe.

Mit Blick auf die religiöse “Ansprechbarkeit” zeigt sich: Sowohl ältere als auch die jüngsten Soldaten (unter 20 Jahren) sind hier besonders offen. Es zeigt sich ferner, dass Gottesdienste, die von der Militärseelsorge angeboten werden, für die große Mehrheit der Soldatinnen und Soldaten einer der wenigen oder auch der einzige Berührungspunkt mit den institutionalisierten Formen von religiöser Praxis sind. Vor allem im Einsatz wird das Angebot häufig angenommen und auch anderen weiterempfohlen. Insgesamt werden Angebote für einsatzbelastete Soldatinnen und Soldaten und deren Familien mit 64 Prozent am häufigsten empfohlen.

Trotz der von den Befragten mehrheitlich signalisierten religiösen Distanz geben viele auf Nachfrage an, persönliche Schutzrituale zu praktizieren oder Gegenstände als Glücksbringer oder Talismane bei sich zu tragen. Dazu zählen etwa kleine Figuren von Schutzpatronen oder Engeln, Rosenkränze oder Gebetsketten. Diese werden laut Studie besonders gern von katholischen Seelsorgern verschenkt. Bei Soldatinnen sind Tattoos mit spiritueller Bedeutung als Schutzzeichen verbreitet.

Es zeigt sich ferner, dass die Akzeptanz für religiöse Pluralität in der Truppe höher ist als in der Gesamtbevölkerung. Allerdings sinkt sie mit zunehmenden Auslandseinsätzen, ab fünf Einsätzen signifikant. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass dort erlebte Konfrontationen und mögliche “moralische Verletzungen” Ursachen dafür sind – darauf einzugehen, sei eine Aufgabe, bei der sich auch die Militärseelsorge einbringen solle, so die Studie.

Militärseelsorgerinnen und -seelsorger werden laut Befragung vor allem als unabhängige Ratgeber und Vertrauenspersonen wahrgenommen, wobei ihre Stellung außerhalb der militärischen Hierarchie und die absolute Verschwiegenheit für 95 Prozent der Befragten zentral sind. Den verpflichtenden Lebenskundlichen Unterricht (LKU), den die Seelsorger anbieten, halten 77 Prozent der Befragten für wichtig, wobei längere Seminarformate mit Übernachtung die höchste Zufriedenheit (86 Prozent) erzielen.

Bei der Vorstellung der Studienergebnisse erklärte der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg, die Militärseelsorge müsse in einer wachsenden Bundeswehr ebenfalls gestärkt werden. “Es wäre fahrlässig, geradezu verantwortungslos, den Faktor Seelsorge stagnieren zu lassen”, so der Bischof. Schon jetzt leiste die Militärseelsorge aufgrund der Personaldichte oftmals eher Hilfe in “homöopathischer Dosis”. Laut Studie wünschen sich derzeit rund 40 Prozent der Soldaten mehr Seelsorger.

Sollte die Bundeswehr wie geplant auf rund 260.000 Soldaten im Jahr 2030 anwachsen, müssen laut Felmberg allein im evangelischen Bereich zu den aktuell knapp über 100 Seelsorgern rund 44 Planstellen hinzukommen – nur um das Versorgungsniveau zu halten.

Die Studie bilanziert: Als “Kirche unter den Soldatinnen und Soldaten” leiste die Militärseelsorge einen wesentlichen Beitrag zur sozialen Integration und zur ethischen Orientierung im Sinne des Leitbildes vom Staatsbürger in Uniform. Besonders im Einsatz, wo die Streitkräfte mit existenziellen Herausforderungen konfrontiert sind, gewinnt sie zusätzlich an Bedeutung.

Inhaltlich sind die positiven Umfrageergebnisse für Felmberg kein Grund, sich zurückzulehnen – vor allem nicht in Zeiten, in denen sich die Bundeswehr auf mögliche Konflikte vorbereite. “Wir müssen Antworten finden auf die Fragen, die sich uns stellen”, so der Militärbischof. Dazu zählten etwa die Begleitung von Verwundeten, der Umgang mit Gefallenen und deren Angehörigen oder die moralische Unterstützung der Soldaten.