Frauen werden heute so alt wie nie zuvor, das weisen Statistiken jedes Jahr aufs Neue aus. In Deutschland liegt ihre durchschnittliche Lebenserwartung bei über 83 Jahren, fast fünf Jahre mehr als bei Männern. Das ist das eine, doch wichtiger ist: Wie lassen sich diese Jahre im fortgeschrittenen Alter möglichst gesund, selbstbestimmt und lebensbejahend gestalten?
Die Medizinprofessorin Sandra Eifert will mit ihrem Buch “Wie Frauen länger leben. Das Geheimnis weiblicher Longevity” genau dafür Hilfestellung geben. Sie sagt, die höhere Lebenserwartung von Frauen sei eine bemerkenswerte Entwicklung und Verantwortung zugleich. Denn Langlebigkeit sei ein Geschenk, das herausfordere, achtsam mit Körper, Geist und Seele umzugehen.
Lebenserwartung von Frauen: Wie Hormone schützen
Heute weiß man, dass Frauen anders altern, erklärt die Oberärztin am Herzzentrum Leipzig. Der weibliche Körper sei kein “kleiner Mann”, sondern folge eigenen biologischen Regeln. Hormonelle Zyklen, zwei X-Chromosomen, ein anderes Immunsystem – all das verschaffe Frauen über Jahrzehnte hinweg einen gesundheitlichen Vorsprung, erklärt Eifert. Sie führt aus, wie Östrogene Herz und Gefäße schützen, den Stoffwechsel beeinflussen und entzündungshemmend wirken. Für Frauen bedeuten die Wechseljahre einen Einschnitt, denn damit gehe der Verlust jener hormonellen Schutzwirkung einher, die Herz, Gefäße, Stoffwechsel und Immunsystem über Jahrzehnte stabilisiert habe.
Das Altern ist also kein plötzlicher Einschnitt, sondern ein Prozess, der früh beginne und sich über Jahrzehnte entfalte, erklärt die Medizinerin. Zwar bestimmten Gene etwa 10 bis 15 Prozent des Alterungstempos, doch den weitaus größeren Einfluss habe der Lebensstil – das betont Eifert wiederholt. Nach ihren Erkenntnissen prägen Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stressverarbeitung und soziale Bindungen das biologische Alter oft stärker als das Geburtsdatum.
Bewegung und Ernährung erhöhen die Lebenserwartung
Prävention spielt nach ihrer Überzeugung eine Schlüsselrolle. Daher empfiehlt sie eindringlich: regelmäßige Vorsorge, Aufmerksamkeit für Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin sowie Bewegung und Ernährung als Voraussetzung für ein langes, gesundes Leben. Was sie den Leserinnen wiederholt ans Herz legt, ist, das Rauchen aufzugeben, falls noch nicht geschehen. Dieser Schritt schenke einem mehrere zusätzliche Jahre.

Sie wirft einen Blick auf die sogenannten Blue Zones: Weltregionen, in denen Menschen erheblich länger bei guter Gesundheit leben. Dazu zählen in Europa etwa Sardinien und Ikaria. Diese Gegenden bieten nach Einschätzung der Ärztin “wertvolle Einblicke in Lebensgewohnheiten und Umweltfaktoren, die zu einem langen und gesunden Leben der Frauen beitragen können”.
Wie soziale Bindungen die Lebenserwartung stärken
Was kann man daraus lernen? Es gehe nicht um eine einzelne Maßnahme, sondern um eine Kombination aus gesunder Ernährung, regelmäßiger körperlicher Aktivität, starken sozialen Bindungen, einem Sinn im Leben und effektiver Stressbewältigung. Selbst in den “Blue Zones”, wo alle Menschen außergewöhnlich alt werden, werden Frauen noch einmal älter als die Männer, hält Eifert fest. Ein Punkt, der ihr wichtig ist und der auch in den “Blue Zones” eine Rolle spielt: keine Extreme, weder beim Essen noch beim Arbeiten, weder in punkto Ehrgeiz noch in der Selbstfürsorge.
Gerade für Frauen ist dieser Ansatz nach Ansicht der Medizinerin zentral. Sie reagieren demnach empfindlicher auf chronischen Stress, übernehmen häufig mehrere Rollen gleichzeitig und vernachlässigen dabei nicht selten die eigene Gesundheit. Dauerhafte Überforderung kann Entzündungsprozesse fördern, das Herz belasten und das biologische Altern beschleunigen. Umgekehrt zeige die Forschung: Frauen, die gut sozial eingebunden sind, ihrem Leben Sinn zuschreiben und bewusste Pausen zulassen, altern messbar langsamer.
Achtsamkeit: Das Alter als Zeichen gelebten Lebens
“Das Alter ist keine Störung”, betont die Autorin. “Es ist eine natürliche Lebensphase – kostbar verdient, manchmal mühsam, oft würdevoll. Es ist ein Ausdruck des Gelebten.” Wie man sie gut gestaltet, darauf hat man – jenseits der Gene – durchaus nennenswerten Einfluss.
