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Vatikanexperte Politi: Pontifikat von Franziskus noch unvollendet

Reformen und Machtkämpfe – das Pontifikat von Papst Franziskus brachte Neuerungen, aber auch heftigen Widerstand. Marco Politi beschreibt die Spaltung der Kirche und den Kampf um die Zukunft im Vatikan.

Vatikanexperte Marco Politi sieht die katholische Kirche in einer tiefen Zerreißprobe. In seinem neuen Buch “Der Unvollendete. Franziskus’ Erbe und der Kampf um seine Nachfolge”, das dieser Tage im Herder-Verlag erscheint, beschreibt der italienische Journalist und Autor eine innerkirchliche Spaltung, die durch das Pontifikat von Papst Franziskus noch sichtbarer geworden sei. “Die letzten zehn Jahre waren eine Situation des Untergrund-Bürgerkriegs”, so Politi im Interview mit österreichischen Kirchenzeitungen (Donnerstag).

Ein erzkonservativer Flügel habe begonnen, systematisch gegen den Papst zu arbeiten, nachdem dieser lange diskutierte Reformen angestoßen habe. Zu den umstrittenen Neuerungen zählt Politi etwa die Öffnung für wiederverheiratete Geschiedene, die unter bestimmten Bedingungen die Kommunion empfangen können, oder die Ermöglichung einer Diskussion über das Frauendiakonat. Auch die offenere Haltung gegenüber homosexuellen Gläubigen habe Angriffe gegen Franziskus ausgelöst.

In diesen Fragen habe Rom nicht mehr die Macht wie früher, so Politi. So habe sich die Kirche in Afrika, aber auch Bischöfe in Nordamerika, Südamerika oder Polen in der Frage nach Segnung Homosexueller gegen den Präfekten des Glaubensdikasteriums gestellt. “Das alles zeigt, dass die Kurie nicht mehr allmächtig ist. Aber auch der Papst ist nicht allmächtig.”

Laut Politi trifft Franziskus aber nicht nur auf Widerstand konservativer Kreise, sondern auch auf Enttäuschung unter Reformbefürwortern. “Am Kirchengesetz hat sich wenig verändert, deswegen spreche ich von einem ‘unvollendeten Pontifikat’.” Die bisherigen Schritte seien zwar von großer Bedeutung, doch viele Reformanliegen blieben ungelöst. Besonders kritisch betrachtet Politi die ungleiche Mobilisierung innerhalb der Kirche. Während konservative Gruppen sehr gut organisiert seien, mangle es reformorientierten Katholiken an öffentlichem Engagement. “Die Ultrakonservativen waren sehr laut. Die Reformorientierten sind weniger organisiert, weniger laut, weniger öffentlich engagiert.”

Besonders die Frage nach der Rolle der Frauen in der Kirche sorgt weiterhin für Spannungen. Franziskus habe zwar erstmals Frauen in hohe Positionen der römischen Kurie berufen und “ermöglicht, dass die Diskussion über das Frauendiakonat überhaupt richtig anfängt”, doch eine Entscheidung zu letzterem sei bislang ausgeblieben. “Man hat keine Lösung gefunden, denn die erste Kommission war gespalten, und die zweite Kommission hat auch nichts gebracht”, stellt Politi fest.

Wichtige Zeichen habe der Papst derweil in der Ernennung von Frauen auf leitende Vatikan-Posten gesetzt, darunter Schwester Simona Brambilla an der Spitze der vatikanischen Ordensbehörde, Schwester Nathalie Becquart als Untersekretärin des Synodenrates und Schwester Raffaella Petrini als Generalsekretärin des Governatorats der Vatikanstadt. Auch dass unter Franziskus erstmals Frauen in einer Synode als volle Mitglieder mit Stimmrecht teilgenommen haben, sei “praktisch eine Revolution”.

Ein weiteres Defizit sieht Politi in der mangelnden Auseinandersetzung des Papstes mit Westeuropa. Während Franziskus vor allem die Peripherie der Weltkirche in den Blick genommen habe, seien zentrale europäische Länder weitgehend unberücksichtigt geblieben. “Es ist wahrscheinlich ein historischer Fehler, dass der Papst nicht nach Spanien, Deutschland, Frankreich, England oder Österreich gereist ist.” Die Kirche in Westeuropa sei “eine sehr schwache Kirche in der Gesellschaft, denn die Kirchen sind leer”, so der Vatikanbeobachter. Gerade angesichts der Herausforderungen der Kirche in diesen Ländern wäre eine stärkere Präsenz des Papstes notwendig gewesen.

Trotz aller Herausforderungen bleibe das Pontifikat von Franziskus prägend, so Politi. Vor allem die verstärkte Rolle von Frauen und Laien sowie die Öffnung hin zu einer inklusiveren Kirche seien bedeutende Entwicklungen. Gleichwohl bleibe die Zukunft der Reformen ungewiss – nicht zuletzt aufgrund der starken innerkirchlichen Widerstände.