Vor dem Pferdestall steht ein Traktor der Marke Ford, Baujahr 1969, der große Überrollbügel ist pink lackiert. „Den habe ich mir von meinem ersten Marktgeld angeschafft“, sagt Landwirtin Birte Wirxel. Die 39-Jährige ist die Chefin des kleinen Hofs in Borken im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis. Vor zwei Jahren hat die studierte Agrarwissenschaftlerin ihn gekauft und sich als Gemüsebäuerin selbstständig gemacht. Ihre Produkte wie Kürbisse vertreibt sie als Direktvermarkterin auf Märkten in der Region.
Es ist ein Ein-Frau-Betrieb mit zwei Feldern von insgesamt knapp zwei Hektar. Dort wachsen neben Kürbissen in allen Größen Zucker-, Zier- und Popcornmais, Weißkohl sowie Sonnen- und andere Feldblumen. Alles Sonderkulturen, die per Hand geerntet werden. Um sie erntefrisch zu verladen, gehe sie auch nachts mit Stirnlampe aufs Feld, erzählt die dreifache Mutter.
Nur elf Prozent aller Agrarbetriebe werden in Deutschland laut Statistik des Bundeslandwirtschaftsministeriums aus dem Jahr 2023 von einer Frau geführt. Um die Leistungen von Frauen in dem Bereich weltweit sichtbarer zu machen, haben die Vereinten Nationen 2026 zum „Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft“ erklärt.
Birte Wirxel hat nach dem Studium der Agrarwissenschaften in Göttingen zunächst an der Universität als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet, wollte aber gern in die Praxis. Als ihr Mann eine Stelle als Förster in Nordhessen antrat, suchte Birte Wirxel gezielt einen Hof mit Ackerland.
Ein ökologisches Jahr führte sie nach der Schule auf einen von zwei Frauen betriebenen Biohof in Ostwestfalen – ein Zufall, den sie ihrer Mutter, einer Lehrerin mit Bauernhof-AG, verdankt. Dort merkte sie, dass sie für die Landwirtschaft brennt. Zugleich hat sie die Erfahrung gemacht, dass Frauen in einer Männerdomäne mit Argwohn betrachtet werden und auf sich gestellt sind: „Als wir uns mit dem Trecker festgefahren hatten, kamen keine Männer, um uns herauszuziehen.“
Auch heute sagt sie: „Als Frau akzeptiert zu werden, ist schwierig, noch dazu als Frau mit Studium.“ Sie sei anfangs für ihre Ideen belächelt worden, ließ sich jedoch nicht entmutigen. Als Frau müsse man Doppeltes leisten, um anerkannt zu werden: „Ich habe mir erarbeitet, dass ich als Frau alles kann“ – vom Schrauben am Traktor bis hin zum Heuballenrollen. Darauf sei sie stolz. „Wenn ich etwas nicht gleich hinkriege, liegt es nicht daran, dass ich eine Frau bin, sondern daran, dass mir Erfahrung fehlt.“
Die Studie „Frauen. Leben. Landwirtschaft.“ des Thünen-Instituts und der Universität Göttingen aus dem Jahr 2022 zeigt, dass viele Landwirtinnen ihre Kompetenz immer wieder beweisen müssen: Man traue ihnen oft nicht zu, Traktor zu fahren oder mit schwerem Gerät zu arbeiten, erklärten die Forschenden.
Unter dem Namen „Landbirte“ gibt Birte Wirxel auf Instagram Einblicke in ihren Alltag: Szenen von der Feldarbeit, in grüner Arbeitskleidung, mir rosa Basecap, Rouge und Wimperntusche inklusive. Im Winter läuft die Kohlernte. Die Köpfe bringen bis zu zwölf Kilo auf die Waage: „Da stoße ich auch an Grenzen.“
Mit „Landbirte“ hat sie gleichzeitig eine Marke geschaffen und sich damit einen festen Platz auf den Märkten erarbeitet: „Es macht Freude, wenn die Menschen meine Produkte schätzen und wiederkommen. Dann weiß ich, warum ich morgens um vier aufstehe.“ Dass sie selbst anbaue, müsse sie oft betonen: „Es ist traurig, dass man als Frau nur als Verkäuferin gesehen wird.“ Auch Anzüglichkeiten, etwa beim Kauf von Geräten, hat sie erlebt: „Ich bin tough genug, mir das nicht zu Herzen zu nehmen.“
Petra Bentkämper, Präsidentin des Deutschen Landfrauenverbands mit Sitz in Berlin, betont, dass Frauen in vielfältigen Rollen die Landwirtschaft prägen – als Betriebsleiterinnen, aber auch als mitarbeitende Familienangehörige, Versorgerinnen oder Ehrenamtliche – und ihre Arbeit dennoch oft unsichtbar bleibt. Laut der Studie „Frauen. Leben. Landwirtschaft.“ seien 72 Prozent der Frauen an strategisch-unternehmerischen Entscheidungen in landwirtschaftlichen Betrieben beteiligt und 62 Prozent der Frauen verantworteten Buchhaltung und Finanzen. Diese Verantwortung spiegele sich jedoch kaum in Eigentumsverhältnissen wider: „Nur elf Prozent der Befragten gehört der gesamte Betrieb, einem weiteren Viertel zumindest ein Teil der Flächen oder Gebäude.“
Die Benachteiligungen für Frauen wirkten sich auch auf die Alterssicherung aus. Problematisch seien zudem historische Erbfolgen, die unzureichende finanzielle Absicherung bei Scheidung oder Tod des Partners sowie Benachteiligungen bei Fördermitteln.
Das UN-Jahr für die Frauen in der Landwirtschaft setze genau hier an: „Es soll ihre Leistungen sichtbar machen, ihre Rolle stärken und ihnen die Anerkennung geben, die sie verdienen.“ Der Verband begleitet das UN-Jahr und verweist in einem Positionspapier darauf, dass Gleichstellung zentrale Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit der Branche sei. Besonders junge Landwirtinnen, die innovative Geschäftsmodelle entwickelten, benötigten gezielte Unterstützung.
Birte Wirxel weiß, dass Gleichstellung kein Selbstläufer ist. Sie hat gelernt, sich zu behaupten, die Anerkennung ist gewachsen. Und sie wünscht sich, dass das Bewusstsein für etwas geschärft wird, was eigentlich selbstverständlich ist: „Dass Frauen das Gleiche leisten können wie Männer. Das verdient mehr Wertschätzung.“