Dass während der Corona-Pandemie besonders viele Menschen unter Einsamkeit litten, erscheint nachvollziehbar. Doch inzwischen scheint chronische Einsamkeit zuzunehmen. Fachleute sehen Handlungsbedarf.
Insbesondere junge Erwachsene leiden verstärkt unter Einsamkeit. Das zeigt eine Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, die am Mittwoch in Wiesbaden vorgestellt wurde. Etwa ein Drittel der Befragten zwischen 18 und 53 Jahren fühlt sich demnach zumindest teilweise einsam, 17 Prozent sehr einsam.
Während des coronabedingten Lockdowns waren die Gefühle von Einsamkeit sprunghaft angestiegen, wie es hieß. Besonders hoch lagen sie im Jahr 2021 – damals fühlte sich fast jede und jeder Zweite einsam (46,7 Prozent). Vor der Pandemie seien deutlich weniger Menschen betroffen gewesen, im Jahr 2017 etwa 14,8 Prozent (2013: 14,5 Prozent).
Gerade jüngere Menschen hätten in einer wichtigen Lebensphase gelernt, sich zurückzuziehen, sagte der stellvertretende Institutsdirektor Martin Bujard. Dies habe ihr Verhalten möglicherweise dauerhaft verändert. Menschen, die während der Pandemie 30, 40 oder 50 Jahre alt waren, seien danach zu ihren üblichen Mustern der Kontaktpflege zurückgekehrt, “während es bei den Jüngeren diesen Standard noch nicht gab”. Es gelte, diese Entwicklungen weiter zu beobachten und auch zu prüfen, welche Maßnahmen hilfreich beim Gegensteuern seien.
Die Untersuchung unterscheidet zwischen emotionaler, sozialer und genereller Einsamkeit. Wer emotional einsam ist, stimmt etwa der Aussage zu “ich fühle eine allgemeine Leere”; es fehlen eng vertraute Personen. Die soziale Einsamkeit meint eher das Fehlen eines Netzwerks; eine typische Aussage ist: “Es gibt zu wenig Menschen, auf die ich mich absolut verlassen kann”. Bei der generellen Einsamkeit fehlt Gesellschaft; Betroffene fühlen sich grundsätzlich allein.
Frauen sind demnach eher emotional einsam, Männer häufiger sozial. Besonders gefährdet sind zudem Alleinlebende, Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit, chronisch Erkrankte sowie Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status. Als Schutzfaktoren wurden unter anderem Religiosität und eine tägliche Internetnutzung genannt – letztere allein sei keine sinnvolle Prävention, betonte Sabine Diabate, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts. Ein Abdriften in digitale Welten sei nicht gemeint, sondern eine Ergänzung zu echten Treffen.
Einsamkeit könne psychisch und körperlich krank machen, warnte Diabate. Bujard wies zudem darauf hin, dass Rechtspopulisten mitunter gezielt versuchten, einsame Menschen anzusprechen. Dies dürfe allerdings nicht zu weiterer Stigmatisierung führen: “Nicht alle Einsamen sind eine leichte Beute für Populisten.”