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Steilshooper Bildungsprojekt bietet WG-Zimmer für Mitarbeit

„Tausche Bildung für Wohnen“ ist ein Angebot für Studierende im Hamburger Stadtteil Steilshoop. Das mietfreie Zimmer in einer Dreier-WG im Stadtteil gibt es im Tausch für acht Stunden Einsatz pro Woche in der „Tauschbar“, die Lernförderungen für Kinder aus strukturell benachteiligten Verhältnissen bietet. „Jedes Kind hat ein Recht auf gute Bildung. Deshalb wollen wir dazu beitragen, Bildungsungerechtigkeit zu beseitigen oder wenigstens zu verringern“, erklärt Anna-Sophie Hippke. Sie hat die „Tauschbar“ in Hamburg vor drei Jahren eröffnet. Bereits seit 2015 gibt es fünf Standorte der Organisation im Ruhrgebiet, unter anderem in Dortmund und Gelsenkirchen.

Ab 14 Uhr geht es los: Nach und nach kommen immer mehr Kinder aus der Schule in die „Tauschbar“. Sie setzen ihre Schulranzen ab und versammeln sich in ihren Kleingruppen. Die Kinder kennen sich, erzählen einander von der Schule und lachen zusammen. Betreut werden sie von Bildungspatinnen und -paten. In ihren Gruppen machen sie gemeinsam Hausaufgaben, lernen und können sich austoben.

Die Bildungspatinnen und -paten sind entweder Studierende oder Bundesfreiwilligendienstleistende (Bufdis). Sie arbeiten nicht nur zusammen in der „Tauschbar“, sondern leben auch gemeinsam. Insgesamt verfügt das Projekt über drei Wohnungen mit je drei Zimmern. Zwei der Wohnungen werden von Bufdis bewohnt, eine von Studierenden.

Meist kämen die jungen Engagierten aus recht wohlbehüteten Verhältnissen. „Viele von ihnen kommen in einen Stadtteil, in den sie sonst nie gekommen wären, und lernen Lebensrealitäten kennen, denen sie zuvor noch nicht begegnet sind“, sagt Hippke. Die meisten Patinnen und Paten verbringen ein Jahr im Projekt: „Da passiert ganz viel in den Köpfen. Es ist sehr schön, das zu begleiten.“

Leo und Nienke (beide 19) leben und arbeiten seit August als Bufdis in Steilshoop. „Ich wollte nach dem Abitur nicht direkt eine Ausbildung oder ein Studium anfangen und fand es cool, was Soziales auszuprobieren“, erzählt Leo.

Begonnen habe der Dienst mit einer gemeinsamen Seminarwoche. Dort hätten sie sich als Gruppe bereits gut kennengelernt, was das Zusammenleben in der Wohngemeinschaft vereinfachte. „Ich hätte nicht gedacht, dass unser WG-Leben so gut funktioniert“, sagt Nienke. „Aber wir haben auch viel Unterstützung und Rat bekommen, dabei, wie wir miteinander kommunizieren können. Und wir haben natürlich einen Putzplan.“

Ihre Arbeit in der „Tauschbar“ bestehe hauptsächlich darin, die Lernförderungen für die Kinder vorzubereiten und durchzuführen. Nienke betreut eine Kleingruppe von fünf Mädchen im Grundschulalter. „Ich habe mir heute das Thema Textverständnis herausgesucht. Dazu werde ich mit den Kindern kleine Comics malen“, erklärt sie.

Zu den Lernförderungen gehöre aber auch ein großes Maß an Flexibilität. Manche Kinder kommen und müssen noch Hausaufgaben machen, andere müssen sich erst mal austoben. Den Raum dafür gibt es auch in Nienkes Gruppe: Ein paar der Mädchen haben schon alle Hausaufgaben erledigt und wollen direkt damit anfangen, den vorbereiteten Text zu lesen. Die anderen müssen erst noch ihr Matheheft aufschlagen und rechnen. „Die Kinder hier bekommen von uns sehr individuelle Hilfe“, erklärt die Patin. „Am Ende des Tages sollen sie ja gerne herkommen.“

Die Arbeit in der „Tauschbar“ fördert nicht nur die Kompetenzen der Kinder. „Es hat mir sehr viel Selbstbewusstsein gegeben, hier zu arbeiten, irgendwie habe ich jetzt schon weniger Angst vor der Zukunft. Weil ich merke, dass ich Dinge schaffen kann“, erzählt Nienke.

Nach ihrem Bufdi weiter im sozialen Bereich zu arbeiten, können sich Leo und Nienke zwar vorstellen, ganz sicher sind sie sich aber bis jetzt nicht. „Es kann einem schon viel geben, hier zu arbeiten. Vor allem die Erfolgserlebnisse mit den Kindern. Es ist cool, zu merken, dass man wirklich dazu beiträgt, einen Ort zu schaffen, an dem sie gerne sind“, sagt Leo.

Auch für Anna-Sophie Hippke spielt dieses Gefühl eine große Rolle in ihrer Arbeit: „Jeden Tag gehe ich nach Hause und weiß, ich habe etwas bewirkt.“ Für Hippke sei es besonders wertvoll, mitzuerleben, wie die Kinder sich weiterentwickeln und gestärkter durchs Leben gehen.