Häusliche Gewalt trifft auch Männer

Auch Männer können Opfer von Partnerschaftsgewalt werden – körperlich wie seelisch. Dabei können Worte ebenso verletzen wie Schläge. So gelang Volker nach sieben Jahren die Befreiung.
Häusliche Gewalt trifft auch Männer
Auch Männer können Opfer von Partnerschaftsgewalt sein. Dabei können Worte ebenso verletzen wie Schläge (Symbolbild) - Imago / Zoonar
Das Datum vergisst Volker nie: Montag, 10. Juni 2024. Ein Wendepunkt in seinem Leben. Denn da habe "der absolute Horror" geendet. Damals verlässt der 48-Jährige seine Familie und zieht um - in eine Schutzwohnung für Männer, die Gewalt durch ihre Partnerin erfahren. Damit habe eine siebenjährige Leidenszeit geendet, blickt er zurück. Partnerschaftsgewalt trifft in den allermeisten Fällen Frauen. Insgesamt verzeichnet das Bundeskriminalamt für 2024 mehr als 171.000 Opfer. Davon sind rund 80 Prozent weiblich - aber immerhin 20 Prozent männlich. Volker (Name geändert) gehört zu jener kleineren, aber doch auch signifikanten Gruppe von Männern, die von ihren Frauen schikaniert werden. Diese Minderheit findet jedoch kaum Beachtung.

In der Partnerschaft nur Gebrüll und Geschrei

Am Tag vor dem 10. Juni geht es zwischen Volker und seiner Frau wieder einmal hoch her. Vormittags habe sie noch "einen auf lieb gemacht". Aber am Nachmittag, nachdem sie gemeinsam den Hund ausgeführt hatten, sei sie dann wie so oft völlig ausgerastet. "Nur Gebrüll und Geschrei." Volker flüchtet aus der Wohnung. Und muss dann - wieder einmal - über Nacht draußen bleiben. Denn ins Haus kann er nicht zurück, weil seine Frau ihn nicht reinlässt. Einen eigenen Schlüssel hatte sie ihm längst entzogen.
Partnerschaftsgewalt trifft in den allermeisten Fällen Frauen. Insgesamt verzeichnet das Bundeskriminalamt für 2024 mehr als 171.000 Opfer. Davon sind rund 80 Prozent weiblich - aber immerhin 20 Prozent männlich (Symbolbild) - Imago / imagebroker
Wie viele andere Beziehungen ist auch seine schleichend ins Toxische gekippt. Dabei geht es nicht um körperliche, sondern um psychische Gewalt - durch emotionalen Druck. Nach der Geburt des dritten Kindes habe seine Frau damit begonnen, sich in Sozialen Medien und digitalen Freundschaften zu verlieren. Seine Vorhaltungen, dass sie die Kinder vernachlässige, habe sie mit lautem Geschrei gekontert - um der Nachbarschaft glauben zu machen, dass er ihr Gewalt antue. Mit dem Satz "Ich rufe die Polizei und erzähle, dass du mich geschlagen hast" gewinnt sie zunehmend Macht und Kontrolle über ihn.

Sozialdienst Katholischer Männer betreibt Projekt "Freiraum"

Weil er so wenig den Rollenerwartungen ans "starke Geschlecht" entspricht, verliert Volker kein Wort über seine verzwickte Lage. Mit zunehmendem Leidensdruck sucht er aber nach Hilfen - und stößt schließlich im Internet auf ein Projekt, das vom Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) in Köln betrieben wird. Es berät Betroffene und bietet auch Schutzwohnungen an. Bei "Freiraum" kann er erstmals frei über seinen tief sitzenden Frust reden. "Ich werde schlimmer behandelt als ein Tier." Volker hat Glück, dass nach dem Streit eines der vier Zimmer in der Notunterkunft frei ist. In der WG trifft er auf andere Männer, die Ähnliches erlebt haben und denen er sich ohne Hemmungen anvertrauen kann. "Du bist nicht der einzige" - für ihn eine erleichternde Erfahrung.

Demütigende Sprüche: "Du bist kein richtiger Mann"

Im Schnitt melden sich jeden Tag ein bis drei Betroffene bei der "Krisen- und Gewaltberatung für Männer" des SKM, wie Leiter Michael Zeihen sagt. Nicht immer, aber doch in der Hälfte der Fälle gehe es um häusliche Gewalt. Im Erstgespräch versuchen die Berater herauszuhören, wie sehr ein Mann im Gewaltkreislauf steckt und wie schnell er da herausgeholt werden muss. Denn die Schutzwohnungen für Männer sind rar gesät. Deutschlandweit stehen laut Zeihen derzeit gerade mal rund 50 Plätze zu Verfügung, in etwa der Hälfte der Bundesländer gar keine, "letztlich viel zu wenig".
Älterer Mann lehnt sich ans Fenster
Es gab nur Gebrüll und Geschrei. Volker flüchtet aus der Wohnung (Symbolbild) - Imago / Shotshop
Physisch sind Frauen in der Regel den Männern unterlegen, so der Einrichtungsleiter. Dies treffe aber nicht auf der verbalen und psychischen Ebene zu. Klienten berichteten ihm immer wieder von demütigenden Sprüchen wie "Du bist kein richtiger Mann", "Du verdienst wenig, Du bist ein Versager" oder "Du kriegst eh nix gebacken". Riskant sei es, wenn dann ein Mann sich provozieren lasse, handgreiflich reagiere und aus einem Opfer ein Täter werde.

Problem der Polizei: Wer ist der Verursacher des Streits?

Wird die Polizei zu einem lautstarken Streit gerufen, fällt es den Beamten nach den Worten von Zeihen schwer, einzuschätzen, wer nun der Verursacher ist. Meist und längst nicht immer angemessen werde der Mann der Wohnung verwiesen. Auch Volker berichtet darüber, wie er sich einmal ein zehntägiges Wiederkehrverbot einhandelte. Seine Frau habe ihn dann auch noch dazu bewegt, schon vor Ablauf der Frist zurückzukommen - und ihn anschließend mit dem nicht eingehaltenen Verbot erpresst.
 
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
 

Ein Beitrag geteilt von Polizeil. Kriminalprävention (@zivilehelden)

Den Kontakt zu seinen Geschwistern, die von dem Desaster vielleicht etwas mitbekommen könnten, muss Volker aufgeben. Große Angst hat er, seine Arbeit zu verlieren, weil seine Frau ihm die Dienstkleidung entwendet, während er unter der Dusche steht. Körper- und Wäschepflege verlegt er daher auf Zeiten, in denen sie schläft. Ihre "größte Waffe" sei aber die Drohung, dass er den Kontakt zu den Kindern verliere, wenn er nicht spure. Während sich andere aufs Wochenende freuen, quält ihn der Gedanke, zwei Tage zuhause zu sein.

Gewaltopfer erleben emotionales Auf und Ab

Dieser immense Psychoterror habe Volker nicht mehr zur Ruhe kommen lassen und aus seinem Zuhause ein "Russisches Roulette" gemacht, erläutert sein Betreuer Klaus Schmitz. So wie mit Volker reflektiert er auch mit anderen Männern das "ständige emotionale Auf und Ab": Wie nach einer guten Phase die Hoffnung wächst, dass alles wieder gut wird, und dann doch wieder alles zusammenbricht. Oder dass ein Mann die Ausraster seiner Frau verharmlost und die Schuld gar bei sich sucht. Diese Negativdynamik hat Volker nun hinter sich gelassen. Nach eineinhalb Jahren kann er die WG des SKM verlassen. Im Schnitt halten sich die Bewohner dort nur fünf Monate auf. Nun hat auch er eine Mietwohnung gefunden. Und eins freut ihn besonders: Eines seiner drei Kinder will zu ihm ziehen. Info: Hilfetelefon bei Gewalt an Männern: 08000 1239900 (Montag bis Donnerstag 8.00 bis 20.00 Uhr, Freitag bis 15.000 Uhr); SKM Köln, Krisen- und Gewaltberatung für Männer, Tel. (02 21) 20 74 229/344 (Montag bis Donnerstag von 9.00 bis 12.00 und von 13.00 bis 16.00 Uhr, Freitag von 9.00 bis 14.00 Uhr) E-Mail: klaus.schmitz@skm-koeln.de; michael.zeihen@skm-koeln.de; tobias.latz@skm-koeln.de

👋 Unser Social Media