Marco Sagurna war doch ziemlich überrascht. Vor ungefähr zwei Jahren war er bei einem Medientreff in Hannover Heike Gronau begegnet, die Fundraising beim Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen macht. Der Herausgeber und Autor von Lyrik-Bänden fragte, ob es denn auch zeitgenössische Lyrik-Bücher in Blindenschrift gebe. „Und zack, war die Idee zu diesem Buch geboren“, sagt Sagurna. „Seht her. Die Lyrikkarawane. Lyrik in Brailleschrift“ erscheint im März 2025 im Ochsenfurter Kulturmaschinen-Verlag.
Zeitgenössische Lyrik war bislang alles andere als barrierefrei, sagt Sagurna. Zumindest für Menschen, die nicht oder nur sehr schlecht sehen können, gab es wenig. Im Online-Katalog des Deutschen Zentrums für barrierefreies Lesen in Leipzig finden sich zwar mehr als 20.000 Titel in Brailleschrift – darunter aber gerade mal 334 Bücher in der Kategorie Lyrik. Wohl auch deshalb hat der Ochsenfurter Verlag vom Kunstministerium des Freistaats eine von zehn Verlagsprämien für Projekte unabhängiger Verlage über 10.000 Euro erhalten.
Verlagsleiter Sven J. Olsson war von der Projektidee Sagurnas von Anfang an begeistert. Bei jedem anderen Verlag hätte es mit Blick auf die nackten Zahlen wohl anders ausgesehen. Denn beim Kulturmaschinen-Verlag erscheinen auch dezidiert Bücher, mit denen man nicht nur keinen Gewinn macht, sondern auch nicht einmal eine schwarze Null. „Aber wir wollten dieses Buch sehr“; sagt Olsson. Der 2008 gegründete Verlag gehört seit 2019 seinen Autorinnen und Autoren und versteht sich als „Heimat und Archiv seiner lebendigen Literatur“.
Zur anfänglichen Begeisterung kamen aber schon bald die ersten Herausforderungen, sagt Olsson. Denn die im Jahr 1825 entwickelte Brailleschrift mit ihrem System der erhabenen sechs Punkte zur ertastbaren Abbildung des Alphabets braucht Platz – viel Platz. „In etwa dreimal so viel wie gewöhnlicher Schwarzdruck in Büchern“, erläutert Olsson. Sagurna ergänzt: Die Gedichte durften maximal 25 Anschläge je Zeile haben und maximal 14 Zeilen insgesamt, wenn sich Schwarzdruck und Brailleschrift auf einer Doppelseite gegenüberstehen sollten.
Damit nicht genug: Durch das Prägen oder Aufdrucken der Erhöhungen werden Blätter mit Brailleschrift dicker. „Bis zu 60 Seiten kann man drucken – über diesen Umfang hinaus würde der Buchblock wie ein ‘Kuchenstück’ auseinanderstehen“, sagt Olsson. Und natürlich ist Brailleschrift teurer als üblicher Schwarzdruck: „Es gibt nur eine Handvoll Druckereien, die das können – und das hat seinen Preis.“ Auch insofern sei das Preisgeld wichtig, erläutert der Verlagsleiter: „Man kann sagen: Ohne die 10.000 Euro wäre der Druck sehr schwierig geworden.“
Gar nicht schwer sei hingegen gewesen, renommierte zeitgenössische Lyrik-Autorinnen und -Autoren für das Projekt zu gewinnen, sagt Sagurna, der über exzellente Kontakte in der deutschsprachigen Szene verfügt. Im Autoren-Team seien deshalb auch bekannte und preisgekrönte Namen wie Safiye Can oder Ralf-Rainer Rygulla zu finden. Die drucktechnischen Leitplanken für die Textgestaltung hätten alle klaglos angenommen. Die Lust auf das Projekt sei „so groß“ gewesen, „dass alle das freudig wie spielend“ gemeistert hätten, erläuterte er.
Offizielle Premiere des besonderen Lyrik-Bandes soll am 20. März auf der Leipziger Buchmesse sein. Aktuell seien etwa 80 Prozent des Manuskripts fertig und würden gesetzt. Anschließend will Sagurna dem Untertitel des Bandes zur Umsetzung verhelfen. Denn das Buch „Seht her“ ist Teil des Gesamtprojekts „Lyrikkarawane“, bei dem der Neuerscheinung eines Lyrik-Bandes eine Lesetour folgt. Schon jetzt fest ins Auge gefasst habe man Lesungen in München, in Hannover und natürlich auch am Verlagssitz im unterfränkischen Ochsenfurt.
Inhaltlich gibt es in dem Buch übrigens keinen thematischen Bogen. „Es ist vielmehr ein Widerspiegeln von zeitgenössischer Lyrik“, sagt Verlagsleiter Olsson. Sagurna sagt, es handle sich um eine Gedichtsammlung, „die unterhaltsame wie anregend irritierende Botschaften“ habe, ohne dass die Texte eine Themenüberschrift hätten. Ganz persönlich habe er durch die Arbeit an diesem Lyrik-Band gelernt, „dass Gesundheit bedeutet, mit Krankheit gut zu leben“. Denn währenddessen habe er von seiner Krebsdiagnose erfahren. (4004/21.12.2025)