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“Schreiben mit der Hand ist wie Gehirnsport”

Ob Schönschrift oder Kritzelei, mit Bleistift oder Digital Pen: Auch im Zeitalter von Tablet, Smartphone und Voice-Notes ist die Handschrift wichtig. Auch, weil das Gehirn davon profitiert.

Für ihn ist es immer eine Machtdemonstration: Wenn Donald Trump eines seiner berüchtigten Dekrete in riesiger Handschrift ausfertigt, kommt ein dicker, quietschender Filzstift ins Spiel. Trumps Unterschrift sehe aus wie “die Frequenzausschläge kreischender Dämonen”, heißt es im Internet. Eine Schriftexpertin verglich die Signatur des US-Präsidenten mit einem “Stacheldrahtzaun”.

Die Handschrift als Herrschaftsinstrument. Dabei steht sie längst auf der Liste der bedrohten Arten. Glaubt man Bildungsexperten, stellt das Schreiben mit der Hand im Zeitalter von Computer, Tablet und Handy immer mehr Bundesbürger vor Probleme.

Mehr als jeder zweite Junge und fast jedes dritte Mädchen in Deutschland hat Probleme beim Schreiben. Das ergab die 2022 veröffentlichte STEP-Studie des Verbandes Bildung und Erziehung und des Schreibmotorik Instituts in Heroldsberg bei Nürnberg. Schwierigkeiten bei der Schreibstruktur, im Tempo des Handschreibens sowie bei der Leserlichkeit sind die drei Hauptprobleme, die sich nach Angaben der Lehrkräfte durch die Corona-Pandemie nochmals verstärkt haben. Ein weiteres, gravierendes Problem: Fast die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe ist laut Studie nicht mehr in der Lage, länger als eine halbe Stunde beschwerdefrei zu schreiben.

“Wir erleben seit Jahrzehnten einen massiven Rückgang feinmotorischer und schreibbezogener Grundfertigkeiten”, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Stephanie Ingrid Müller. Zugleich hat es in den vergangenen Jahren so etwas wie einen kleinen Hype um die Kalligrafie – also die Kunst der Schönschrift – gegeben. Mancher hat sie als Hobby für sich entdeckt, weil sie entschleunigt und Konzentration und Ruhe fördert.

Stirbt die Handschrift aus? Der Welttag der Handschrift am Freitag soll das verhindern. Der 23. Januar ist der Geburtstag von John Hancock (1737-1793), dem Erstunterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776. Seine Unterschrift ist – wie die von Trump – besonders markant – daher gilt er sozusagen als Patron der Handschrift.

Im Alltag ist sie immer noch wichtig: Notizen, Einkaufszettel, To-Do-Listen, die Unterschrift im Arbeitsvertrag, der Liebesbrief, das Kondolenzschreiben – all das wird meist noch mit Hand geschrieben, weil es persönlicher wirkt. Denn jeder Mensch hat eine unverwechselbare Schrift.

Aber reicht das, um diese alte Kulturtechnik zu erhalten? In den USA ist die geschwungene Handschrift schon weithin aus den Schulen verschwunden. Als 2016 die Meldung durch die Medien geisterte, dass Finnlands Schulen das Schreiben von Hand abschaffen wollten, schien das Totenglöcklein endgültig zu läuten. Die finnische Botschaft stellte klar: Nur die gebundene Schreibschrift werde aus den Lehrplänen entfernt. Druckschrift werde weiter unterrichtet.

Auch das allerdings treibt Bildungsforschern die Sorgenfalten auf die Stirn. Schreiben mit der Hand sei “keine überholte Kulturtechnik, sondern eine hochkomplexe neurobiologische Leistung”, sagt Müller. Dabei griffen Motorik, Wahrnehmung, Sprache, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Selbstregulation ineinander. Dies unterstütze Denkprozesse, Textverständnis, Lerntransfer, Kreativität und Problemlösefähigkeit.

Auch Tal Hoffmann, Geschäftsführerin des Schreibmotorik Instituts, versichert: Es geht nicht nur um eine schöne, aber verzichtbare Kulturtechnik – sondern um Bildungschancen. Und das auch im digitalen Zeitalter. Handschrift als Gehirnsport: Hoffmann verweist auf Erkenntnisse der Neurowissenschaft, dass das Schreiben mit der Hand Spuren im Gehirn hinterlässt und seine Entwicklung fördert. Mehr als 30 Muskeln und 17 Gelenke müssten koordiniert werden. Zwölf verschiedene Areale werden so im Hirn aktiviert: von der Wahrnehmung über die Verarbeitung von Informationen bis hin zur motorischen Ausführung.

Lesen- und Schreibenlernen hängen zudem zusammen: Sowohl Kinder als auch Erwachsene könnten mit Hilfe der Handschrift besser Lesen lernen, sich Fakten besser merken sowie ein besseres inhaltliches Verständnis erlangen, betont Hoffmann. Als Beispiel nennen sie den Spickzettel: Wer ihn von Hand geschrieben hat, muss ihn oft nicht einmal mehr benutzen, weil er sich den Inhalt eingeprägt hat.