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Schlechte Zeugnisnoten? – “Eine Drei bedeutet: ‘Alles in Ordnung'”

Wird es noch eine Vier in Mathe? Die Halbjahreszeugnisse stehen vor der Tür. “Lehrerschmidt”, vielen Schülern und Eltern von Matheerklärvideos auf Youtube bekannt, sagt, dass auch Lehrer nicht gern schlechte Noten geben.

Noch ein paar Tage – und dann hat man es wieder schwarz auf weiß. Ob man Mathe kann, wie man sich in Kunst schlägt und dass man in Englisch vielleicht nur Bahnhof versteht: Die Zeugnisse für das erste Schulhalbjahr werden vergeben. Kinder und Eltern sehen diesem Tag möglicherweise skeptisch, manchmal auch besorgt entgegen. Doch wie fühlt sich die Notengebung eigentlich für Lehrer und Lehrerinnen an?

Kai Schmidt ist Mathelehrer – und außerdem Youtube-Star: Seinen Kanal “Lehrerschmidt” konsultieren viele Schüler und auch Eltern, wenn sie dem Nachwuchs etwa Bruchrechnen, Dreisatz oder Kurvendiskussion erklären sollen und die eigenen Mathekenntnisse der Auffrischung bedürfen. Schmidt hat rund 2,3 Millionen Follower; 1.600 Videos gibt es auf seinem Kanal.

Im analogen Leben ist Schmidt Schulleiter an einer Oberschule in Uelsen in Niedersachsen. Im Fach Mathematik gebe es bei ihm “schon regelmäßig Fünfer” auf dem Zeugnis, erzählt er. Eine Sechs sei allerdings die absolute Ausnahme, werde eigentlich nur bei konsequenter Abwesenheit vergeben. “Wenn ich so überlege, musste ich eine Sechs vielleicht zweimal in 16 Jahren geben”, sagt er.

Wie geht es ihm damit – kann er nachts schlafen nach schlechter Notengebung? “Das ist eine interessante Frage”, sagt der Lehrer. “Ja, ich kann nachts schlafen, allerdings wäre es auch gelogen, wenn ich sagen würde, dass schlechte Noten mich nicht berühren.” Gerade in der Pubertät passiere in der Mathematik auch viel auf der Beziehungsebene. “Manchmal muss man erst einen Zugang zu den Kindern finden, bevor man inhaltlich starten kann. Und wenn man einen guten Weg gefunden hat, dann klappt es auch mit den Zahlen.”

Das eigentliche Ziel aller Lehrkräfte ist nach seiner Überzeugung: Sie möchten, dass ihre Schülerinnen und Schüler gute Noten schreiben. “Wenn das nicht funktioniert, dann sieht man schnell das eigene Versagen. Ich vermute, dass nahezu alle Kolleginnen und Kollegen sehr selbstkritisch sind.”

Wie eine schlechte Zeugnisnote beim Empfänger wirke, sei individuell sehr unterschiedlich: Sie könne motivierend oder demotivierend sein. “Manchmal kann eine schlechte Note ein Warnsignal sein. Wenn das funktioniert, dann ist es super und die Leistungen werden besser. Es kann aber auch bewirken, dass ein junger Mensch aufgibt und die Mitarbeit ganz einstellt”, sagt Schmidt. Eine schlechte Note solle jedenfalls niemals unkommentiert vergeben werden.

Manchmal müsse man als Lehrer oder Lehrerin auch anerkennen, dass persönliche Situationen vielleicht gerade mehr Aufmerksamkeit benötigten als der Matheunterricht. “Man darf nie vergessen, dass es Menschen gibt, die schwere – unsichtbare – Rucksäcke tragen.” Auch deshalb sollten Schüler, Eltern und Lehrer generell mehr miteinander reden: “Wenn man miteinander spricht, findet man in der Regel eine Lösung oder einen Kompromiss”, sagt Schmidt.

Neben Lehrern, die recht streng bewerten, gibt es auch jene, die zu gute Noten verteilen – um einem Konflikt mit Schülern und Eltern aus dem Weg zu gehen. Pädagogen in Lehrerblogs – und auch im Bekanntenkreis – thematisieren dieses Problem immer wieder. “Lehrerschmidt” ist klar für faire Notengebung, betont er: “Wenn man eine gute Note bekommt, dann weil man die entsprechende Leistung tatsächlich erbracht hat. Hier ist es auch wichtig, dass immer die Verhältnismäßigkeit gegeben ist. Alles andere wäre unfair. In Mathematik ist das vermutlich einfacher als in Deutsch.”

Schülern, die zum Halbjahr eine schlechte Note erwarten, rät der Pädagoge, sich aufs kommende Halbjahr zu konzentrieren. Es sei ein Fehler, erst kurz vor den Zeugnissen zu reagieren. “Meistens zeichnet sich sehr früh eine Tendenz ab. Wer frühzeitig beginnt, hat mehr Zeit gegenzusteuern. Mit Fleiß und Motivation kann man fast alles schaffen.”

Grundsätzlich plädiert Schmidt für ein entspannteres Verhältnis zu Noten allgemein – man müsse nicht überall “Eins stehen”. “Als Vater sage ich meinem Sohn immer, dass eine Drei bedeutet, dass alles in Ordnung ist. Man muss nicht in jedem Fach ‘gut’ sein. Das waren die meisten Eltern auch nicht. Eine Drei ist eine ordentliche Note, die bescheinigt, dass alles in Ordnung ist.”

Schließlich müsse nicht jeder alles können. “Es ist in Ordnung, ein Fach nicht zu mögen”, betont Schmidt. Und: “Noten machen einen Menschen nicht aus. Es gibt so viele Dinge, die so viel wichtiger sind als Noten.”