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Organspende: Widerspruchslösung erhöht die Spendenrate nicht

Eine Widerspruchsregelung bei der Organspende bewirkt keine Wunder und erhöht die Spendenraten nicht, sagen Forschende. Sie empfehlen ein anderes System.

Die Widerspruchslösung führt nicht automatisch zu mehr Organspenden, sagt eine Studie
Die Widerspruchslösung führt nicht automatisch zu mehr Organspenden, sagt eine StudieImago / epd-bild

Die von vielen Politikern und Ärzten geforderte Einführung einer Widerspruchslösung bei der Organspende hat laut einer internationalen Studie kaum eine Wirkung. Die Umstellung auf eine Widerspruchslösung führe allein nicht zu einer Zunahme der Spenden, heißt es in einer Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Bei der Widerspruchslösung gelten alle Erwachsenen als Organspender – es sei denn, sie haben ausdrücklich widersprochen.

In Deutschland gilt derzeit eine Zustimmungslösung: Nur derjenige ist potenzieller Organspender, der ausdrücklich zugestimmt hat. Weil in der Bundesrepublik seit Jahren Organmangel besteht, dringen viele Politiker und Mediziner auf einen Systemwechsel. Sie versprechen sich von einer Widerspruchslösung deutlich mehr Spender.

Studie: Organspenden in fünf Ländern verglichen

Wie das Max-Planck-Institut dazu mitteilte, ergab eine kürzlich durchgeführte Analyse aller Mitgliedsländer der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) keine signifikanten Unterschiede zwischen Ländern mit Zustimmungs- und Widerspruchslösung. Zugleich waren in Ländern mit einer Widerspruchslösung deutlich weniger Menschen bereit, zu Lebzeiten freiwillig Organe wie beispielsweise eine Niere zu spenden.

Für die Studie wurden außerdem über mehrere Jahre die Spendenraten in fünf von insgesamt 39 Ländern verglichen, die bis Ende 2019 von einer Zustimmungslösung zu einer Widerspruchslösung gewechselt waren. Dabei hat die Umstellung in allen fünf Ländern (Argentinien, Chile, Schweden, Uruguay und Wales) zu keiner Zunahme geführt. “Der langfristige Trend blieb gleich”, heißt es.

“Ohne begleitende Maßnahmen, wie Investitionen in das Gesundheitssystem und öffentliche Aufklärungskampagnen, ist es unwahrscheinlich, dass ein Wechsel zu einem Opt-out-System die Zahl der Organspenden erhöht,” erklärte die Autorin Mattea Dallacker vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Beispielsweise müssten die Strukturen für Organspende in den Kliniken verbessert und medizinische Teams darin geschult werden, Gespräche mit Angehörigen zu führen.

Angehörige können Zustimmung außer Kraft setzen

Die Studie unterstreicht die entscheidende Rolle der Angehörigen bei Organspenden. Selbst in Systemen mit Widerspruchslösung könnten Angehörige die mutmaßliche Zustimmung außer Kraft setzen, heißt es. Die Wissenschaftler sprechen sich deshalb für ein “System der verpflichtenden Entscheidung” aus. Dies würde Bürgerinnen und Bürger verpflichten, ihre Zustimmung oder Ablehnung zur Organspende ausdrücklich zu registrieren, beispielsweise bei der Beantragung eines Führerscheins oder Personalausweises. Damit würden Unklarheiten über ihren Willen beseitigt.