Ein respektvoller Austausch ist laut Theresa Winkler vom Filmfestival Max Ophüls (MOP) ein zentrales Anliegen des Festivals. Es solle ein Ort sein, „an dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, kontrovers diskutiert wird und dennoch ein respektvolles Miteinander möglich ist und an dem sich alle wohlfühlen“, sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die 47. Ausgabe des Festivals läuft noch bis einschließlich Sonntag.
epd: Wie nehmen Sie zurzeit die Stimmung unter den Filmschaffenden wahr?
Theresa Winkler: Es herrscht eine Mischung aus Unsicherheit und Gestaltungswillen. Förderungen für Filme zu bekommen, war schon immer schwierig, und im Moment spüren wir das besonders deutlich. Die Kürzungen in der Kulturbranche betreffen auch uns als Filmfestival direkt, und voraussichtlich werden die kommenden Jahre herausfordernd bleiben. Gleichzeitig ist die Lust am Filmemachen ungebrochen.
epd: Wie kann das Festival dabei unterstützen?
Winkler: Uns ist es ein großes Anliegen, dass wir Filmschaffende nicht nur während der Festivalwoche hervorheben, sondern sie auch über das Jahr hinweg unterstützen. Wir vernetzen aktiv, sind auf anderen Festivals unterwegs und bringen die Filmteams mit Verleiher:innen in Kontakt. Gleichzeitig ist es wichtig, als Filmfestival hör- und sichtbar zu bleiben und klarzumachen, wie breit und vielfältig die Kulturlandschaft sein muss. In den darstellenden Künsten braucht es subventioniertes Theater und Oper genauso wie die Freie Szene, und im Filmbereich braucht es große Publikumserfolge in den Kinos genauso wie kleine Indie-Filme, reflexive Dokumentarfilme und experimentelle Projekte. Die Koexistenz ist essenziell und macht das kulturelle Leben und die Vielfalt aus.
epd: Festivalleiterin Svenja Böttger hat bei der Festival-Eröffnung betont, dass Sie in diesem Jahr Ihre Haltung über die Filmauswahl ausdrücken wollen. Für welche Haltung stehen die Filme?
Winkler: Die Filme in diesem Jahrgang sind sehr mutig und offen in ihrer Form. Die Arbeiten wählen einen sehr nahen, persönlichen, fast schon intimen Zugang und verhandeln dabei gesellschaftliche hochrelevante Themen wie etwa den Klimawandel, Machtstrukturen, Männlichkeitsbilder in allen Facetten, sexualisierte Gewalt und die Frage, wie man miteinander leben möchte. Uns ist dabei wichtig, dass die Filme Empathie erzeugen und Ambivalenzen zulassen. Sie zeigen Menschen in ihrer Unvollkommenheit und genau darin liegt auch die Stärke: Eine Entwicklung entsteht dort, wo Widersprüche sichtbar werden.
epd: Haben Sie eine Erklärung dafür, wieso so viele Filme diesen persönlichen und intimen Blick haben?
Winkler: Wir beobachten diese Entwicklung seit ein paar Jahren, in diesem Jahr jedoch sehr konzentriert. Da gibt es, unserer Meinung nach, mehrere Faktoren, zum Beispiel ökonomische Rahmenbedingungen, die intime Erzählweisen begünstigen, ein Zeitgeist, der persönliche Perspektiven stärker wertschätzt, und nicht zuletzt die Erfahrungen der Pandemie. Gerade jüngere Filmschaffende gehen sehr selbstverständlich mit Themen wie mentaler Gesundheit und Selbstreflexion um. Das prägt auch die Ästhetik und die Erzählformen, insbesondere im Kurzfilm.
epd: Welche Rolle spielen zurzeit Genrefilme?
Winkler: Genrefilme sind in diesem Jahrgang eher unterrepräsentiert, obwohl wir großes Interesse daran haben. Deswegen möchten wir auch Impulse setzen, etwa durch die Kooperation mit dem Fantasy Filmfest, dem wichtigsten Genrefilmfestival in Deutschland, und dem Verband für Film- und Fernsehdramaturgie VeDRA. Neben einem Kurzfilmprogramm gab es auch ein Panel zu Genrefilmen in unserem Branchenprogramm MOP-Industry. Gemeinsam haben wir den „Talent Genre Hive“ gegründet, um das Genre als künstlerische Form in Fokus zu setzen und Filmschaffende zu ermutigen, sich daran zu wagen.
epd: Welche Botschaft soll von der diesjährigen Festivalausgabe ausgehen?
Winkler: Unser zentrales Anliegen ist es, einen Raum für einen offenen, respektvollen Austausch zu schaffen, aufeinander zuzugehen und einander zuzuhören. Das Festival soll ein Ort sein, an dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, kontrovers diskutiert wird und dennoch ein respektvolles Miteinander möglich ist und an dem sich alle wohlfühlen. Gerade in einer Branche, die stark von Außenwirkung geprägt ist, tragen wir gemeinsam Verantwortung dafür, Strukturen fairer und solidarischer zu gestalten. Es ist wichtig, Banden zu bilden, um etwas zu verändern und dazu haben wir hier beim Festival eine große Chance.