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Nürnberg gibt weitere Schriften aus NS-Raubgut an Vorbesitzer zurück

Die Erforschung und Restitution von Schriften aus der Sammlung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) durch die Stadt Nürnberg macht weiter Fortschritte. Für 3.697 Exemplare liegen inzwischen Provenienzeinträge – Hinweise auf den ursprünglichen Besitzer – vor, wie die Stadt am Donnerstag mitteilte. Mehr als 3.500 Bücher sowie Provenienzmerkmale seien digitalisiert und bislang 2.210 Vorbesitzer identifiziert worden, 1.120 Fälle gelten als geklärt. Rückgaben erfolgten bislang in 19 Länder, darunter Deutschland, Israel, die USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Mexiko, Südafrika und Australien. Dafür arbeite die Stadt mit rund 240 Partnern zusammen.

Über den Stand der Provenienzforschung, die Nürnberg seit 1998 betreibt, informierten am Donnerstag Oberbürgermeister Marcus König, Bürgermeisterin Julia Lehner (beide CSU) und der städtische Beauftragte für die Sammlung IKG, Leibl Rosenberg, bei einer Pressekonferenz. Mit dabei war auch Rabbiner Steven Langnas von der IKG Nürnberg, der ein Buch aus dem Besitz seiner Vorfahren entgegennahm.

Die Sammlung IKG in der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Nürnberg ist eine Dauerleihgabe der IKG Nürnberg. Sie besteht aus Überresten der Redaktionsbibliothek des antisemitischen Hetzblatts „Der Stürmer“ und einer Privatbibliothek des NS-Kriegsverbrechers Julius Streicher. Derzeit umfasst sie rund 9.000 Schriften und dokumentiert laut Stadt ein breites Spektrum literarischer, künstlerischer und wissenschaftlicher Druckwerke von 1700 bis 1944. Schriften in 25 Sprachen aus mehr als 540 Orten und 25 Ländern verdeutlichten die kulturelle Vielfalt, die durch die nationalsozialistische Verfolgung zerstört worden sei, hieß es.

König betonte, die Rückgabe sei „keine freiwillige Leistung, sondern eine moralische und rechtliche Pflicht“. Lehner zufolge geht es nicht nur um juristische Fragen, sondern ebenso um historische Verantwortung und ethische Maßstäbe. Rosenberg sagte, der Wert von Kulturgütern bemesse sich an ihrer historischen, persönlichen und emotionalen Bedeutung. Für die Familien seien diese Fundstücke unschätzbar wertvoll.

Zu den exemplarisch vorgestellten Restitutionsfällen zählt das Buch aus dem Besitz von Henryk Henoch Langnas aus dem polnischen Lodz an seinen Verwandten, Rabbiner Langnas. Der zweite Band des Werks „Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit“ von Adolph Kohut aus dem Jahr 1901 trägt den Namenseintrag des ursprünglichen Besitzers und einen Stempel von „Der Stürmer“. Vorgestellt wurde auch die Restitution einer Pessach-Haggada und eines Prämienbuchs. Die Provenienzforschung wird laut Stadt fortgesetzt, weitere Rückgaben sind geplant. (0217/22.01.2026)