Auserwählt und bewaffnet: Religiöse Erlösungserzählungen treiben politische Extremisten an, sagt die Historikerin Beatrice de Graaf. Sie erkennt erstaunliche Parallelen.
Christliche Nationalisten in den USA, Putins Allianz mit der russisch-orthodoxen Kirche und islamistische Terroristen greifen nach Überzeugung von Beatrice de Graaf auf ganz ähnliche religiöse Narrative zurück. Die Professorin für Geschichte an der Universität Utrecht sagte am Donnerstag im Deutschlandfunk-Interview: “Im MAGA-Diskurs von Donald Trump findet man zum Beispiel Elemente eines Erlösungsnarrativs, wo erstmal das Defizit ‘Amerika sei verloren, korrupt, die Wahlen sind gestohlen’ behauptet wird.” Dadurch werde ein Gefühl kollektiven Mangels und kollektiver Sühne dargestellt, das nach radikaler Handlung verlange.
Ähnliche Erlösungsnarrative habe es etwa 2021 im Kampfaufruf der Hamas gegeben, die dazu aufgerufen habe, die von israelischen Polizeikräften abgeriegelte Al-Aqsa-Moschee als muslimische heilige Stätte zu erlösen. Im religiösen Narrativ kämen säkulare Motive wie Grund, Territorium und Macht mit heiligen Motiven zusammen. “Wir wissen aus der Geschichte, dass so etwas eine Wahnsinnskraft entfaltet. Das mobilisiert Leute nachhaltig, für längere Zeit, und mobilisiert auch zur Übergriffigkeit, zu politischer Gewalt”, sagte de Graaf.
In den USA thematisiere das religiöse Narrativ auch die Erlösung der Nation durch einen starken Führer. T-Shirts oder Baseballcaps mit der Aufschrift “Jesus ist mein Erlöser, Trump ist mein Präsident” stellten einen Bezug zu christlichem, weißem Nationalismus her und griffen auf die alte Idee zurück, das amerikanische Volk sei von Gott berufen, einer spezifischen Heilsgeschichte zu folgen. “Und das gibt diesem Volk dann auch die Legitimation, den Gegner präventiv mit allen Waffen schlagen zu können, um seine Berufung sozusagen zu rechtfertigen”, erklärte die Historikerin.
De Graaf, die im Bereich Sicherheit und Terrorismus forscht, erkennt auch in Putins Großmachtsnarrativ dieses erlösende Moment: Putin habe gesagt, nach dem Zerfall der Sowjetunion gebe es in Russland ein ideologisches Vakuum und so sei es für das russische Volk notwendig, Nation, Autokratismus und Orthodoxie zusammenzuführen. Er habe versprochen, das russische Volk als dem Westen “überlegene Zivilisation” auf der Weltbühne wieder groß zu machen und auch das habe “eine Art transzendente Bedeutung bekommen”. Putin selbst lasse sich als “Katechon” darstellen, also als derjenige, der dem Antichrist widersteht und das eigene Volk befreit, so die Historikerin.