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Ethische Einzelkämpfer gegen kapitalistische Skrupellosigkeit im ZDF

Die europäischen ZDF-Serie “The Kollective” begleitet fünf aufrechte Reporter beim Kampf gegen Korruption und Kapitalismus. Was der Wahrheitsliebe dienen soll, verliert sich jedoch oft in Effekthascherei und Klischees.

Für Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus, die Demokratie, also das Gute zu kämpfen, war offenbar schon mal einträglicher. Lucas zum Beispiel mag zwar hauptberuflich der Wahrheit und nichts als der Wahrheit verpflichtet sein; um sich das teure Amsterdam als Investigativ-Reporter leisten zu können, spendet er aber auch regelmäßig Sperma. Seine Kollegin Délia führt dagegen die Hunde reicher Leute Gassi. Ihr Freund Josh kellnert derweil im Londoner Nobelrestaurant, von dem die heruntergekommene Plattenbausiedlung des alleinerziehenden Hackers Étienne in Nantes nicht nur räumlich Lichtjahre entfernt ist.

Die Enthüllungsgeschichten des Recherche-Netzwerks “The Kollective”, zu dem sich die vier Gleichgesinnten verknüpft haben, sind also eher gesellschaftlich als ökonomisch rentabel. Nur Aaron kommt auch ohne Nebenjob so gut über die Runden, dass sich der Sohn eines Pianisten sein journalistisches Ethos auch leisten kann. “Social Media ist ‘ne Kloake”, erklärt er die schmerzhafte Kündigung bei einem Berliner Startup. “Aber wenn’s wehtut, weiß man, dass es wahr ist.” Damit liegt die Messlatte des ZDF-Sechsteilers (online seit 23.01. verfügbar) zumindest moralisch hoch.

Denn was der Writers Room von Leonardo Fasoli und Maddalena Ravagli (“Gomorrha”) aufgeschrieben hat, ist ein vierstündiger Appell an die Kraft unbestechlicher Fakten im Dienst der Wahrheit. Deshalb schlägt “The Kollective” sogar ein verlockendes Angebot aus, das die fünf Freiberufler wohl endgültig aus dem Prekariat geholt hätte: Bei einem Flugzeugabsturz über dem Kongo kam der britische Journalist Steve Lush ums Leben. Während das korrupte Regime die Hintergründe verschleiert, fördern die aufrechten Reporter hochbrisantes Material zutage.

Damit Lush keine Informationen über den illegalen Abbau seltener Erden durch russische Söldner außer Landes schafft, wurde die Maschine wohl vom Militär abgeschossen. “Wir sind keine Verschwörungstheoretiker”, warnt Delia vor Schnellschüssen. Doch die Story ist schlicht zu heiß, um ihr nicht nachzugehen. Und weil sie zu aufwendig für Alleingänge ist, kommt das Finanzierungsangebot des profitorientierten Medienkonzerns Globecom sehr gelegen. Nur: “Durch Geld wird unsere Arbeit nicht wahrhaftiger”, hält Delia der Globecom-Chefredakteurin Maya (Natascha McElhone) entgegen und lehnt ab.

Es ist der Beginn einer unguten Eskalationsspirale. Denn weil er auch biografisch mit dem Fall verbunden ist, fährt Josh (Gregg Sulkin) auf eigene Faust nach Kinshasa – und verschwindet nach kurzer Zeit spurlos. Während der flamboyante Holländer Lucas (Gijs Blom) und sein französische Kollege Étienne (Grégory Montel) digital ermitteln, reist die belgische Prinzipienreiterin Délia (Céline Buckens) ihrem englischen Lover mit dem Deutschen Aaron (Felix Mayr) ganz analog hinterher und gerät in ein blutiges Komplott.

So funktionierte bereits die erste Serienproduktion der European Alliance. Für “Mirage” hatte das ZDF 2020 erstmals Gebühren und Kompetenzen öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten wie France Télévisions und der italienischen RAI gebündelt. Damals ging es um Machenschaften der südasiatischen Atomindustrie, denen Überlebende des Tsunamis von 2004 nachspüren. Jetzt ist es die weltweite Rohstoffmafia, der Überlebende der aktuellen Zeitungskrise nachspüren. Wie damals schickt die Allianz also ethische Einzelkämpfer auf die Fährte kapitalistischer Skrupellosigkeit.

Leider ist es nicht die einzige Parallele zweier Koproduktionen zum Wohl der Konkurrenzfähigkeit des europäischen Filmstandorts. Denn so vehement sich die deutsche Regisseurin Randa Chahoud (“Legal Affaires”) und ihr israelischer Kollege Assaf Bernstein (“Fauda”) um Rückgrat, Spannung und Plausibilität bemühen: Das Resultat ist oft kaum erträglich. Besonders vom journalistischen Handwerk, dramaturgischer Kernbestand dieser Serie, haben beide anscheinend keine Ahnung – oder schlimmer noch ist es ihnen herzlich egal.

Visa für die Willkürsysteme DR Kongo oder Russland besorgen sich westeuropäische Reporter scheinbar nachts am Kiosk nebenan. Google Maps, gar Guides brauchen Ortsfremde hingegen nie, um sich resolut durch feindliches Terrain zu bewegen. Stabiles 5G zum Transfer heikler Erkenntnisse haben dafür in der russischen Einöde selbst Bauernhöfe. Und Schlafmittel können anästhetische Laien auf die Sekunde ihrer erforderten Wirksamkeit hin dosieren. Warum Moritz Bleibtreu einen völlig unplausiblen Maestro im Frack spielt, lässt sich da nur mit Knebelverträgen oder Zahlungsrückständen erklären.

Was diese Räuberpistole aber vollends ins Lächerliche treibt: Sämtliche Protagonisten jedweder Herkunft aus aller Welt reden akzentfreies Hochdeutsch. Eine Traumschiff-gestählte Synchronisationsdreistigkeit, die nochmals surrealer wird, wenn ab und zu Englisch oder Französisch gesprochen wird.

Wie in ihrer preisgekrönten Milieustudie “Truth in a post-truth World” übers real existierende “Kollective” namens “Bellingcat”, geht es Showrunnerin Femke Wolting zwar glaubhaft um die prinzipientreue Energie publizistischer Wahrheitsliebe. Doch wie sie jede Authentizität andauernd im digitalen Rausch bildgewaltiger Codekolonnen, Überwachungsbilder, Knotenpunkte benebelt – das ist spottbillige Effekthascherei auf dem Kirmes-Niveau der beispielhaft missratenen ZDF-Serie “The Team” vor elf Jahren. Oder in Medien ausgedrückt: “The Kollective” ist deutlich weniger “Correctiv” als eine Mischung aus “Bunte”, “Bild” und James Bond für Arme.