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Erster Theaterbau nach 1945: Münsters “Donnerschlag” wird 70

Die Gäste vom hessischen Landtag waren hellauf begeistert. Wollten sie im Februar 1956 in Münster doch „nicht nur Europas modernstes Theater, sondern auch Europas billigstes Theater besichtigen“, um Ideen für Baupläne in Kassel und Darmstadt zu bekommen. Zuvor hatte ein früherer Frankfurter Stadtbaurat das Haus in Münster mit den Worten gelobt, architektonisch sei das erste neu gebaute Theater nach dem Zweiten Weltkrieg „ein befreiender Donnerschlag im deutschen Theaterbau“. Mit Mozarts „Zauberflöte“ begann dort am 4. Februar vor 70 Jahren der Spielbetrieb.

Im Münster der Nachkriegszeit herrschte Einigkeit darüber, dass man ein neues Theater braucht. Die historische Spielstätte, der Romberger Hof, war im Jahr 1941 durch Bomben zerstört worden. Auch die für ihre Akustik gerühmte Stadthalle überstand das Kriegsende nicht. Also beschloss der Rat im Jahr 1950 einen Neubau. Doch die Realisierung stand zeitweise infrage.

Der Entwurf des Architekten Edmund Scharf, der eine Zusammenlegung von Stadttheater und Kongresshalle am alten Platz vorsah, sei in der Bevölkerung „wegen seiner historisierenden Gestaltung nicht ganz unumstritten“ gewesen, erzählt der Münsteraner Historiker und Publizist Bernd Haunfelder. Es hätte sogar Geld von der damaligen NRW-Landesregierung gegeben, aber die Stadt stellte das Projekt zurück. „Die überwiegenden Haushaltsmittel flossen in die Sanierung der Infrastruktur und die Wiederherstellung ausreichenden Schulraums“, sagt Haunfelder.

Als zwei Jahre später auch dank der neuen Gesellschaft der Musik- und Theaterfreunde das Thema wieder auf den Tisch kam, wuchs in Münster der Wunsch nach einem zeitgemäßen städtebaulichen Akzent. Die historisierend wiedererrichteten Giebelhäuser des Prinzipalmarkts, bis heute Münsters „gute Stube“, hatten der Stadt zuvor Kritik eingebracht. Also gab es 1952 eine neue Ausschreibung, aus der ein junges Architektenteam um Max von Hausen als Sieger hervorging.

Sie machten alles anders: verwendeten Glas und Beton statt roter Ziegel und Sandstein, stellten den kühn strukturierten Baukörper diagonal zum Straßenverlauf. Im Innenraum setzten sie kurios anmutende Ideen wie den Lampenhimmel des Zuschauerraums um. Die Ex-Präsidentin der nordrhein-westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, die Architektin Julia Bolles-Wilson, schwärmte in einem Zeitungsbeitrag zum 60-jährigen Bestehen des Hauses von einem „der wenigen wirklich eigenartigen, bahnbrechenden Gebäude in Münster“. Als Reminiszenz an die Vorkriegszeit ziert den Innenhof ein Wandfragment des einstigen Romberger Hofs.

Was fehlt, ist ein Konzertsaal in der Nachfolge der alten Stadthalle. Zwar bekam das Theater 1971 ein „Kleines Haus“ hinzu. Doch die Pläne für ein Gebäudeensemble mit einer Halle als Spielstätte des Orchesters wurden nicht weiterverfolgt. Im Jahr 2008 schmetterte ein Bürgerentscheid das Bestreben ab, eine Musikhalle in der Nähe des Münsterschen Schlosses zu errichten.

Mit finanziellen Zwängen hat das Theater immer wieder zu kämpfen. So musste der frühere Generalintendant Ulrich Peters beim Amtsantritt im Jahr 2012 unter anderem verhindern, dass die Tanz-Sparte zur Verfügungsmasse gemacht wird: „Das waren schwierige Gespräche!“, sagt er rückblickend. Doch glückte es ihm, ebenso wie die Umbenennung der „Städtischen Bühnen“ zum „Theater Münster“.

Die lokale Bedeutung des Theaters lässt sich auch am Engagement privater Veranstalter ablesen. „Wir schätzen die Infrastruktur des Hauses“, betont Till Schoneberg, dessen Konzertbüro eine Kammermusikreihe organisiert. „Unser Publikum fühlt sich sehr wohl hier. Es ist eben Münsters gelernter Kulturort.“

Peters Nachfolgerin Katharina Kost-Tolmein rechnet für die laufende Spielzeit mit einer Besucherzahl von 185.000, aber auch mit einem Defizit von rund 1,2 Millionen Euro. Nach Sparmöglichkeiten wird also gesucht. „Das Theater Münster befindet sich auf einem guten Kurs“, sagt die Generalintendantin gleichwohl und freut sich auf Verdis „La Traviata“ zum Spielzeitausklang im kommenden Juni. Ihre Vertragszeit endet im Sommer 2027, die Nachfolgesuche für das Fünf-Sparten-Haus mit Musiktheater, Schauspiel, Tanz, Jungem Theater und Sinfonieorchester läuft bereits.

Das Gebäude selbst ist in die Jahre gekommen und wird nun modernisiert. Für die kommenden Monate ist eine Aufstockung und energetische Sanierung geplant.