Affären am Arbeitsplatz sind arbeitsrechtlich, vor allem aber zwischenmenschlich heikel. Wie glitschig dieses amouröse Terrain mitunter ist, kann allerdings buchstäblich niemand eher ermessen als Shane Hollander und Ilya Rozanov. In der kanadischen Serie “Heated Rivalry” – frei übersetzbar mit “Erhitzte Konkurrenz” – gelten die zwei Nachwuchsspieler als künftige Superstars der nordamerikanischen Eishockeyliga.
Ein Milliardenbusiness für echte, also traditionell heterosexuelle Männer. Dumm nur, dass Shane und Ilya schwul sind – darüber lässt Jakob Tierney sein Publikum nicht allzu lang im Unklaren. Nach dem ersten Flirt landen die beiden schnell im Schlafzimmer, wo es sehr viel expliziter zugeht als gewohnt am Bildschirm. “Heated Rivalry” ist halt alles andere als gewöhnlich. In jeder Hinsicht.
“Heated Rivalry”: Erfolg in sozialen Medien
Seit die sechsteilige Verfilmung von Rachel Reids Buchreihe “Game Changers” im Herbst auf dem Streamingdienst Crane und anschließend bei HBO Max lief, hat sie weltweit für Furore gesorgt. Besonders im englischsprachigen Raum erreichen die Zugriffszahlen Rekordwerte. Und fast 100 Prozent aller Kritiken bei “Rotten Tomatoes” bewerten das softpornografische Coming-of-Age-Drama positiv. Und wichtiger noch: bei Instagram, Tiktok, Reddit und Tumblr sorgt der Hashtag #heatedrivalry verlässlich für Schnappatmung.
Warum genau, das können jetzt endlich auch deutsche Zuschauer ermitteln. Wenn das Original mit Untertiteln (Warnung vor der Synchronisation) nun auch hierzulande bei HBO Max läuft, dürfte nicht nur die queere Community massenhaft Probeabos buchen. Als globales Medienphänomen ist es für alle Identitäten interessant. Eigentlich verblüffend für ein Format, dass sich lange Zeit so wenig um Tiefgang bemüht wie dieses. Vordergründig geht es um sportliche Konkurrenten rivalisierender Titelaspiranten, die einander physisch verfallen, also zugleich gegen- und füreinander ringen.
Versteckspiel sexueller Identitäten
Hinterm homoerotischen Wettstreit jedoch verhandelt die Serie auch noch das habituell einstudierte Versteckspiel sexueller Identitäten abseits heteronormativer Sitten, die im Eishockey sogar noch wirkmächtiger sind als – sagen wir – im Fußball. Ein interessanter, durchaus gesellschaftskritischer Ansatz, den Regisseur Jacob Tierney nach eigenem Drehbuch obendrein mit ehrgeizigen Eltern und profitsüchtigen Managern garniert.
Nur: Warum der kanadische Kufencrack Shane und sein russischer Kollege Ilya einander verfallen – das bleibt wie einst bei “Brokeback Mountain” im Dunkeln ästhetisierter Kollisionen bildhübscher Muskelprotze. Seit Serien wie “Queer as Folk” oder “The L-Word” Homosexuelle vor rund 25 Jahren mit makellosen Models aus der Schmuddelecke allenfalls geduldeter Freaks holte, wurden sie selten so oberflächlich inszeniert wie hier.
Wie “Bridgerton” mit Sportsetting
Knapp oberhalb der Kopulationsfrequenz von “Bridgerton” vermeiden der verstockte Shane und sein flamboyanter Lover Ilya bis zur vierten Folge schließlich jedes tiefgründigere Gespräch. Nicht die einzige Leerstelle der Serie. Umrahmt von bildgewaltiger Matratzenakrobatik, testosterongesättigtem Trashtalk und reichlich Sexting genanntem SMS-Bettgeflüster, beweist Tierneys Sportmilieustudie fast schon aufreizendes Desinteresse an Eishockey oder jeder Art Alterungsprozess, von denen seine Protagonisten über acht Jahre hinweg komplett verschont bleiben.
Trotz der Metaebene eines russischen Sportstars, dem die heimische Homophobie während der Olympischen Winterspiele in Sotchi 2014 klar wird; trotz der Kapitalismuskritik eines amerikanischen Sportstars, dem Fassaden wichtiger sind als Empowerment; trotz Staffelfinale, das die geplante Fortsetzung ungeheuer ergreifend einleitet; trotz zweier Schauspieler, die das Doppelleben ihrer Protagonisten mimisch präzise auf den Punkt bringen: im Kern ist “Heated Rivalry” maskulines Eye Candy für Realitätsflüchtige, das Frauen wie Ilyas Freundin Svetlana (Ksenia Kharlamova), Shanes Fake-Date Rose (Sophie Nelisse) oder seine Mutter (Christina Chung) nur der Vollständigkeit halber benötigt.
Aber vielleicht ist es ja genau das, worauf die queere Community so sehnlichst wartet: Homoerotische Highend-Erotik grundverschiedener Charaktere, die das populäre Romanzen-Thema “From Enemies to Lovers” mit Sozialkritik garniert, aber nicht überfrachtet.
Emanzipationskämpfe können schließlich ganz schön ermüdend sein. Und dabei nicht halb so adrett anzuschauen wie die perfekt ausgeleuchteten Stellungswechsel begehrenswerter Außenseiter auf Dopamin.
