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“Das Gedenken gehört dauerhaft zur Geschichte der Stadt”

Ihre Tochter liebte es, „Sprachen zu lernen, Menschen zu begegnen und sich zu verständigen“, sagen Annette und Martin Bleß. Deshalb war die 15-jährige Elena Bleß aus Haltern am See zu einem Schüleraustausch nach Barcelona gereist. Doch sie kehrte nie zurück. Sie starb am 24. März 2015 bei der Flugkatastrophe der damaligen Lufthansa-Tochter Germanwings in den französischen Alpen. 150 Menschen aus 17 Nationen kamen ums Leben, darunter eine Klasse des Joseph-König-Gymnasiums – 14 Schülerinnen, zwei Schüler und zwei Lehrerinnen.

Zehn Jahre später ist die Erinnerung an die Katastrophe in dem kleinen Ort im nördlichen Ruhrgebiet noch immer wach. „Das Gedenken gehört dauerhaft zur Geschichte unserer Stadt“, sagt der heutige Bürgermeister Andreas Stegemann (CDU). Auf dem Schulhof des Gymnasiums erinnert eine rostfarbene Gedenktafel an die Namen der Opfer, daneben finden sich eine Stele mit einer Kerze und 18 Kirschbäume, damals gepflanzt, heute hochgewachsen. Auf dem Waldfriedhof Sundern ist eine Gedenkstätte symbolisch einem Klassenzimmer nachempfunden – die Namen sind auf einem schweren Granitstein eingraviert, auch dort sind 18 Bäume gepflanzt.

Annette und Martin Bleß haben für ihre Tochter kein „Denkmal aus Stahl oder Stein“ gewählt. Sie unterstützen junge Menschen dabei, das zu erleben, was ihre Tochter geliebt hat. Die Elena-Bleß-Stiftung ermöglicht mit Stipendien Berufspraktika und Austauschprogramme in 16 europäischen Ländern. Mehr als 250 Schülerinnen und Schüler konnten bislang für zwei oder drei Wochen nach Frankreich, Irland oder Spanien fahren, um dort zum Beispiel in Hotels, Museen oder Reisebüros zu arbeiten. „Die Liebe zwischen uns und unserer Tochter hat uns die Kraft gegeben, ihr dieses lebendige Denkmal zu setzen“, sagen Annette und Martin Bleß: „Elena lebt in unserer Stiftung weiter.“

Durch die Flugkatastrophe wurde die Stadt mit ihren rund 40.000 Einwohnern auf tragische Weise weltweit bekannt. Der damalige Leiter des Gymnasiums, Ulrich Wessel, musste den Eltern, die in die Schule kamen, die Nachricht überbringen, dass das Flugzeug abgestürzt und alle Insassen tot waren. Das sei „der schlimmste Moment in meinem bisherigen Leben gewesen“, erinnert sich Wessel. Nur zwei Tage später ergaben die Ermittlungen, dass der Co-Pilot, der psychisch erkrankt war, die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht hatte.

Am Unglückstag kamen Medienvertreter aus aller Welt nach Haltern, die Schule musste mit Flatterband geschützt werden. Die Bevölkerung war von einer Art „Schockstarre“ erfasst, erinnert sich der damalige Bürgermeister und heutige Landrat von Recklinghausen, Bodo Klimpel (CDU). Unrasiert, mit offenem Hemd und sichtlich erschüttert, erklärte er bei einer Pressekonferenz im Rathaus, für die Stadt sei das „so ziemlich das Schlimmste, was man sich vorstellen kann“.

Drei Tage später hielt der evangelische Pfarrer Karl Henschel die Predigt in einem ökumenischen Gottesdienst in der katholischen Sixtus-Kirche. Daran wirkten der katholische Bischof Felix Genn und die damalige Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, mit. Außerdem reisten die damalige Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und Bundespräsident Joachim Gauck an, der als gelernter Pfarrer mit Angehörigen im Altarraum betete. Als im Juni die sterblichen Überreste der jungen Unglücksopfer mit weißen Limousinen nach Haltern gebracht wurden, säumten Tausende von Menschen die Straßen, weinten, beteten. Einige warfen Blumen auf die Autos.

Zum zehnten Jahrestag des Unglücks werden Annette und Martin Bleß mit einer Gruppe von Eltern der Betroffenen und dem damaligen Schulleiter Ulrich Wessel in das französische Dorf Le Vernet in der Nähe der Unglücksstelle reisen. Dort versammeln sich zahlreiche Angehörige der Opfer aus Deutschland, Spanien und anderen Ländern, aus denen die Passagiere stammten, um gemeinsam ihrer Toten zu gedenken.