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Kolumne: Blue Christmas – Oder wie wichtig ehrliche Gefühle an Weihnachten sind!

Auch an Weihnachten sollte Raum für ehrliche Gefühle sein, denn es ist nicht immer alles glitzernder Baum und Familienfrieden, schreibt Tash Hilterscheid in der neuen Kolumne.

Auch an Weihnachten sollte es Räume für Gefühle wie Traurigkeit oder Melancholie geben.
Auch an Weihnachten sollte es Räume für Gefühle wie Traurigkeit oder Melancholie geben.IMAGO / CHROMORANGE

Weihnachten wird als ein Fest der Freude, der Geborgenheit und der Liebe gefeiert. Meist im Kreis der Familie. Das Ideal eines gelungenen Weihnachtsfestes mit einem gerade gewachsenen Tannenbaum und glänzendem Schmuck wiegt schwer. Und es löst bei Weitem nicht nur Vorfreude aus. Denn häufig treffen in diesem Rahmen Menschen zusammen, die sich eben nicht freuen, sich zu sehen. Zugleich gibt es aber das unausgesprochene Weihnachtsgebot, sämtliche Streitthemen oder andere mögliche Störungen zu umgehen. Es sind also auch keine Klärungen möglich. Stattdessen wird die Weihnachtsmusik lauter gedreht und das Essen besonders reichhaltig. Manchmal geht es gut. Manchmal nicht.

Für viele queere Menschen bedeutet das Weihnachtsfest ein Kraftakt der besonderen Art. Ganz egal, wie alt sie sind. Ob als Kind, Jugendliche oder erwachsene Person. Denn wenn die Familie das eigene Outing nicht respektiert, gilt es an diesem Abend trotzdem zu lächeln. Um des lieben Friedens willen. Und wehe, Sabine sagt nochmal, dass sie jetzt Samuel sei. Und wenn Maximilian wieder ein Kleid anzieht, würde er das ganze schöne Fest ruinieren. Der Druck liegt auch auf den Schultern derer, die noch nicht geoutet sind. Denn dies wäre eine Gelegenheit, wo doch die ganze Familie anwesend ist. Aber das würde alles kaputt machen.

Traum vom Fest der Liebe

Zugleich kenne ich viele Queers, die keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie haben. Eben weil ihre Familien sie nicht so respektiert haben, wie sie sind.

Wenn jetzt das Weihnachtsfest vor der Tür steht, taucht bei ihnen trotzdem eine Sehnsucht auf. Auch wenn das Weihnachtsfest oft zermürbend gewesen ist, bleibt der Traum vom Fest der Liebe bestehen. Und es bleibt der Schmerz darüber, dass sie ihre Familie aufgeben mussten, um sich selbst treu zu bleiben. Der Schmerz darüber, dass die Liebe nicht getragen hat.

Raum für Melancholie

In Nordamerika hat sich die liturgische Tradition des „Blue Christmas“ durchgesetzt. Gemäß der Bedeutung von „to feel blue“, gibt es hier G*ttesdienste zur Weihnachtszeit, in denen Raum für Traurigkeit und Melancholie ist. Der Ursprung dieses Rituals liegt in der Hospizbewegung. Denn auch die Erinnerung an Verstorbene kann insbesondere zu Weihnachten erdrückend sein. Oder Erinnerung an eine Beziehungsperson, wie es Elvis Presley in seinem Song „Blue Christmas“ beschreibt. Ob es die Abwesenheit der Eltern oder gar der eigenen Kinder ist. Ob es der Tod ist oder die Lebensweise, die zur Trennung geführt hat. Weihnachten legt die Wunden frei und zeigt uns deutlich, was oder wen wir vermissen.

Ich wünsche mir zur Weihnachtszeit mehr Orte für diese Art der Gefühle. Orte, an denen wir uns nicht verstellen müssen. Aber auch nicht verstecken. Denn dass uns diese Tage so verletzlich machen, ist womöglich das, was der wahren Bedeutung von Weihnachten am nächsten kommt.

Tash Hilterscheid schreibt in einer Kolumne über queeres Leben
Tash Hilterscheid schreibt in einer Kolumne über queeres LebenRebekka Krüger

Tash Hilterscheid ist die Pfarrperson für queersensible Bildungsarbeit der Nordkirche. Hier schreibt Hilterscheid jeden Monat in einer Kolumne über queeres Leben