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Arte-Doku über antisemitisches Pamphlet – Das Gift wirkt bis heute

Antisemitismus ist global weit verbreitet. Eine Arte-Doku geht den sogenannten Protokollen der Weisen von Zion auf die Spur, die als Ursprung von vielen antijüdischen Klischees und Verschwörungsmythen gelten.

Es ist ein antisemitisches Pamphlet wie kein anderes. Übersetzt in mehr als dreißig Sprachen, stacheln die “Protokolle der Weisen von Zion” seit über 100 Jahren zum Hass auf Juden an. Eine Dokumentation zeichnet die Geschichte dieser Schrift nach, die als Propagandainstrument die Vernichtungspolitik der Nazis befeuerte und noch heute Verschwörungsmythen prägt, auch im Gewand von Hass auf Israel. Felix Moeller, unter anderem bekannt für seine Aufarbeitung der NS-Filmindustrie, wirft die Frage auf, warum Millionen Menschen an eine jüdische Weltverschwörung glauben. Arte zeigt die bemerkenswerte Doku am Montag um 23.35 Uhr.

Fernsehbeiträge zu diesem Thema sind zahlreich. Moellers Herangehensweise sticht heraus, weil er sich ganz auf die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte jener Publikation konzentriert, die nahezu alle Vorurteile und Klischees über Juden in ihrer heutigen Form verdichtete. Einige Spuren ihrer Abfassung führen ins 19. Jahrhundert nach Paris; erstmals in Buchform herausgegeben wurde sie 1905 in Russland. Der Film konzentriert sich auf die Popularisierung der “Protokolle” durch Henry Fords Buch “Der internationale Jude” und die Verbreitung der Hetzschrift im nationalsozialistischen Deutschland der 1930er Jahre.

Während Hitler den Wahrheitsgehalt der “Protokolle” in “Mein Kampf” ausdrücklich betonte, bezweifelten andere hochrangige Nazis deren Authentizität. Die Juden, so Joseph Goebbels, könnten doch “nicht so grenzenlos dumm sein, dass sie solch wichtige Protokolle nicht geheim hielten”. Indem er aber die zweifelhafte Faktizität der Protokolle strikt unterschied von deren “innerer Wahrheit” – von der er überzeugt war -, demonstrierte Goebbels exemplarisch, wie perfide Propaganda funktioniert.

Worum also geht es in dieser fiktiven Unterredung zwischen zwölf namentlich nicht genannten jüdischen Anführern? In ihren stärksten Momenten taucht die Dokumentation mittels ausführlicher Zitate tief ein in die Textstruktur des Pamphlets. Zu Wort kommt unter anderem Michael Hagemeister, ein ausgewiesener Spezialist für diese anonyme antijüdische Schrift. Der Historiker führt aus, dass die Nationalsozialisten mit ihrer sogenannten Wohlfahrtsdiktatur vieles von dem umsetzten, was in den “Protokollen” dargelegt war.

Mit der Verbreitung des vermeintlichen jüdischen Masterplans in der arabischen Welt schlägt der Film den Bogen in die Gegenwart. Eine Schlüsselfigur hierfür ist Amin al-Husseini: Der Weggefährte von Jassir Arafat verbreitete die NS-Ideologie im arabischen Raum und ist indirekt auch dafür verantwortlich, dass die “Protokolle” in der Gründungs-Charta der Hamas zitiert werden. Selbst ein 2004 von der palästinensischen Autonomiebehörde herausgegebenes Schulbuch bezeichnet diese antisemitische Hetze als authentische Quelle – trotz eines Hinweises auf EU-Fördermittel.

Über die aufgegangene Saat dieser Propaganda, die sich “nicht nur bei radikalen Kräften” findet, erklärt die frühere Präsidentin des Jüdischen Studierendenbundes, Hanna Veiler: “Wir dürfen nicht vergessen, dass in sehr vielen arabischen Ländern Antisemitismus aktiv in der Schule unterrichtet wird”. Auf einer propalästinensischen Demo, so zeigt der Film, hält ein Demonstrant ein Plakat mit der Aufschrift “Zionism = Fascism” in die Kamera. Diese antisemitische Zuspitzung wird allerdings ebenso wenig thematisiert wie die beiläufig gezeigten Aktivitäten der Boykott-Bewegung BDS.

Der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 wird in der Dokumentation nicht direkt angesprochen. Die Hamas, sagt der Politikwissenschaftler Jakob Baier, beziehe sich bei ihrer Legitimation “genozidaler Absichten gegen Juden und Jüdinnen weltweit” aber durchaus auf dieses Pamphlet.

Der Film streift zudem die Verbreitung von Judenhass in sozialen Netzwerken sowie die Kultivierung antisemitischer Klischees unter bekannten Musikern wie Kanye West und dem deutschen Rapper Kollegah. Bei diesen Ausflügen in die Popkultur wird die filmische Argumentation allerdings zusehends unscharf.

Um die Abfolge von “sprechenden Köpfen” und der Einblendung von Archivmaterial aufzulockern, illustriert die Doku das fiktive Geheimtreffen von Rabbinern mit einem schauerromantisch anmutenden Schwarzweißgemälde. Eine solche Visualisierung wirkt teilweise kontraproduktiv gegenüber dem aufklärerischen Anspruch des Films: Antisemitismus wurzelt oftmals in Emotionen, die rational kaum erreicht werden können. Wer an eine jüdische Weltverschwörung glaubt, tut dies, weil er es glauben will. Und das wollen offenbar sehr viele.