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Arte-Doku beleuchtet wechselhafte Geschichte der Wartburg

Majestätisch thront die Wartburg seit fast tausend Jahren über dem Thüringer Wald. Sie ist ein Wahrzeichen für Deutschland, seit 1999 Weltkulturerbe. Arte präsentiert sie in einer umfangreichen Doku.

Sie ist ein steinernes Geschichtsbuch. Bühne großer Kultur, Schauplatz bedeutender religiöser und politischer Ereignisse: die Wartburg.

Ein Markenzeichen für Thüringen und Deutschland, seit 1999 Weltkulturerbe, Top-Touristen-Attraktion. Der deutsch-französische Kulturkanal Arte widmet der hoch über dem thüringischen Eisenach aufragenden Burg eine umfangreiche Dokumentation. Unter dem Titel “Die Wartburg. Macht, Religion, Revolution” ist sie am 22. Februar um 20.15 Uhr zu sehen.

Es geht einerseits um Architektur- und Baugeschichte: Der Film zeigt, wie Architekten, Kunsthistoriker und Bauhütte dafür kämpfen, dass die 1080 erstmals urkundlich erwähnte Höhenburg liebevoll und detailverliebt erhalten wird. Dafür müssen Vorgaben aus unterschiedlichsten Stilepochen berücksichtigt werden: Die Burg ist ein Gesamtkunstwerk vom mittelalterlichen Fachwerk und spätromanischen und gotischen Bauelementen über Renaissance-Bögen bis zu historistischen Stilelementen aus dem 19. Jahrhundert. Ihr im 12. Jahrhundert als Wohn- und Residenzgebäude errichteter sogenannter Palas zählt zu den besterhaltenen romanischen Profanbauten nördlich der Alpen. Als erste Burg in Deutschland wurde sie deshalb als “ideale Burg” und “hervorragendes Denkmal der feudalen Epoche in Mitteleuropa” auf die Welterbeliste gesetzt.

Das war keine Selbstverständlichkeit: Immer wieder sorgten Brände, Angriffe und Blitzschläge für große Schäden. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert war die Wartburg zudem weithin in Vergessenheit geraten und verfiel zusehens. Goethe und die Gebrüder Grimm trugen im Geiste der Romantik zu ihrer Neuentdeckung bei. 1838 beschloss Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach die architektonische und künstlerische Erneuerung der Residenz seiner Vorfahren. Architekt Hugo von Ritgen schuf neue Bauten auf dem Burggelände, die sich an der alten Bausubstanz orientierten; unter anderem baute er den dominanten Bergfried wieder auf.

Neben der Baugeschichte befasst sich die 87-minütige Dokumentation von Oliver Halmburger mit den wichtigen historischen und kulturellen Ereignissen, die auf der Höhenburg stattfanden. Im hohen Mittelalter war die sie Residenz und Musenhof der kunstsinnigen Thüringer Landgrafen. Die Wartburg war Schauplatz des mittelalterlichen Mythos vom Sängerkrieg, den Richard Wagner dann im 19. Jahrhundert zur Oper “Tannhäuser” verarbeitete. Sie war eine Wiege der deutschen Literatur. Minnesänger wie Walter von der Vogelweise, Wolfram von Eschenbach und Heinrich von Ofterdingen wurden vom Thüringer Landgrafen gefördert.

Auf der Wartburg wirkte im frühen 13. Jahrhundert auch die heilige Elisabeth. Im Geist der Armutsbewegung des heiligen Franziskus setzte sie sich kritisch mit dem Luxus von Adel und Kirche auseinander und wurde zum Symbol christlicher Nächstenliebe.

Der Augustinermönch Martin Luther übersetzte 1521/22 im Versteck auf der Wartburg das Neue Testament ins Deutsche und schuf damit die Grundlagen für eine einheitliche deutsche Schriftsprache. Der Legende nach hat Luther dort mit einem Tintenfass nach dem Teufel geworfen. Die Dokumentation zeigt die “Lutherstube”, spartanisch eingerichtet wie damals; sie kann noch heute besichtigt werden.

Das Wartburgfest von 1817 verbindet die Burg mit den Anfängen deutscher Demokratiegeschichte. 500 Studenten demonstrierten damals für ihre Vision von einem deutschen Nationalstaat, einer Verfassung und von Bürgerrechten. Allerdings zeigten sich hier auch die Anfänge eines übersteigerten deutschen Nationalismus. Im Dritten Reich wurde die Wartburg zur politischen Bühne für eine “völkische” Lesart der deutschen Geschichte. Das fünf Meter hohe Kreuz auf dem Bergfried wurde 1938 für kurze Zeit durch ein Hakenkreuz ersetzt.

Auch die DDR nutzte das Potenzial: Seit den 1950er Jahren war der PKW der Marke Wartburg eines der wenigen Statussymbole in Ostdeutschland. 1983, zum 500. Geburtstag Luthers, entdeckte die SED-Führung sogar den Reformator für sich – Luther sollte als frühbürgerlicher Revolutionär den sozialistischen deutschen Staat legitimieren. Am 4. Mai 1983 wurde der erste deutsch-deutsche TV-Gottesdienst live von der Wartburg übertragen. Zwei Wochen zuvor hatten der evangelische thüringische Landesbischof Werner Leich, SED-Chef Erich Honecker sowie Stasi-Chef Erich Mielke, gemeinsam die restaurierte Wartburg wiedereröffnet.

Zugleich blieb die mehr als 400 Meter über dem Meeresspiegel liegende Höhenburg, die Besuchern einen weiten Blick nach Westen ermöglichte, Symbol der deutschen Einheit.