“Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” ist eine Verfilmung des autobiografischen Romans von Joachim Meyerhoff über seine Zeit als Schauspielschüler in München und seine exzentrischen Großeltern.
“Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.” Die Großmutter reicht dem nach der Beerdigung seines älteren Bruders völlig aufgelösten Enkel einen handschriftlichen Zettel mit dem berühmten Zitat – zusammen mit ein paar Valium. Beides hilft. Die Tablette lässt Joachim schlafen. Sein Leben möglichst detailliert zu erinnern und niederzuschreiben, wird für den jungen Mann zur zentralen Beschäftigung.
Längst ist der Schauspieler Joachim Meyerhoff, der lange Jahre Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater sowie an der Berliner Schaubühne war, mit seinen autobiografischen Romanen mindestens so erfolgreich wie als Mime. Sechs Bücher hat er bislang veröffentlicht, die vom Unfalltod seines Bruders, dem Aufwachsen auf dem Gelände einer von seinem Vater geleiteten psychiatrischen Klinik in Schleswig, seiner Schauspielausbildung, diversen Liebeswirren, einem Schlaganfall sowie seiner Mutterbeziehung handeln. Mit Selbstironie und Präzision berichtet der Autor besonders gerne vom eigenen Scheitern, wobei seine Erzähl- und Fabulierkunst ein melancholischer Grundton durchzieht.
Die Latte für Adaptionen liegt hoch. Nach Sonja Heiss, die Meyerhoffs zweiten Roman “Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war” stimmig verfilmte, gelingt es nun Simon Verhoeven, den Meyerhoffschen Geist einzufangen. Verhoeven nahm sich “Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” vor, in dem Meyerhoff von seiner Zeit an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München erzählt – als er bei seinen exzentrischen Großeltern lebte, der Schauspielerin Inge Birkmann und dem Religionsphilosophen Hermann Krings.
Die unkonventionellen Lehrmethoden und für Joachim zumeist peinlich-peinigenden Geschehnisse an der Falkenberg-Schule werden mit dem streng durch den Konsum von Alkoholika ritualisierten Alltag der Großeltern kontrastiert. Zwischen diesen beiden spannungsvollen Polen spielt sich für drei Jahre das Leben von Joachim ab.
Es gelingt Verhoeven, all dies eng an der Vorlage, zugleich aber diskret gekürzt und gerafft in eine eigenständige filmische Form zu gießen. Hie und da fügt die Inszenierung auch Aspekte hinzu, was dramaturgisch durchweg nachvollziehbar ist. So unterstreicht der Film etwa die Rolle von Sabrina, die Joachim seit seiner Aufnahmeprüfung kennt und die eine motivierend-ermutigende Funktion hat.
Er thematisiert die beginnende Schreib- und Erinnerungstätigkeit des jungen Mannes, zieht die Trauer um den Bruder hingegen etwas konsequenter ins Geschehen ein. All dies, um von einem jungen Mann auf der Suche nach sich selbst, dem eigenen Lebensweg und der eigenen Stimme zu erzählen.
Das ständige Gefühl des Fremdseins in der Welt empfindet Joachim nur bei den Großeltern und deren radikal geregeltem Tagesablauf nicht. Diese Stetigkeit ist eine Brücke in die Kindheit und damit in eine Zeit, in der man sich und seinen Platz in der Welt noch nicht hinterfragte, weil man eins mit sich war. Ein Gefühl, das Joachim beim Schauspielen lange nicht zu kreieren vermag – bis er irgendwann in einem perfekt anliegenden Paillettenkleid auf der Bühne steht: “Ich war aus einem Guss!”
Die Sehnsucht, dazuzugehören, um seinen Platz in der Welt zu kennen, aber gerade auch die Sehnsucht nach dem Früher, nach dem bekannten Terrain, vermag der Film wunderbar atmosphärisch einzufangen. Der Geruch der Nymphenburger Villa und ihrer Bewohner steigt einem förmlich in die Nase. Dazu kommen die Melancholie und die beruhigende Beständigkeit, die über dem Alltag dieses Hauses mit seinen gewissermaßen unverrückbaren Gegenständen liegt.
Alles aber wäre nichts ohne die grandiosen Schauspieler, allen voran Bruno Alexander als Joachim, der eine Idealbesetzung für den unsicheren, selbstzweiflerischen, schambehafteten und mit großen, staunenden Augen durchs Leben gehenden jungen Mann ist. Senta Berger als Inge und Michael Wittenborn als Hermann sind ebenfalls perfekt besetzt. Auch wenn Berger mit dem dramatischen “Mooahhhhhhhh”-Ausruf der Großmutter aus dem Roman offenbar nicht so viel anfangen kann und ihn zu einem arg zurückhaltenden “Mo!” verkürzt, ist sie als Grande Dame einfach brillant. Wittenborn zeigt an ihrer Seite einmal mehr, dass er ein Meister der (komödiantischen) Präzision ist. Dazu kommen zahlreiche prominent und hervorragend besetzte Nebenrollen.
“Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” ist eine gelungene Mischung aus Coming-of-Age-Film, Familiendrama, Milieu-Komödie und filmischen Memoiren, die nicht nur die Lücke verhandelt, die der Bruder hinterließ, sowie andere familiäre Verluste. Sondern eben auch die Lücke im Wertherschen Sinne, auf den sich das titelgebende Zitat bezieht: zwischen dem, was man ist – und dem, was man sein will. Verhoeven hat einen wunderbaren Roman zu einem hochkomischen, tieftraurigen und sehenswerten Film destilliert.