An klaren Tagen wirkt er, als hätte jemand eine helle Nadel in den Himmel über dem Stuttgarter Süden gesteckt: 216 Meter hoch, schlank, fast leicht – und doch ein Koloss aus Stahlbeton. Als der Turm am 5. Februar 1956 eröffnet wurde, gab es nichts Vergleichbares auf der Welt. Fernsehtürme waren bis dahin Gittermasten, reine Zweckkonstruktionen. Stuttgart wagte etwas völlig Neues: ein Bauwerk, das funkte – und verführte.
Der Wintermorgen war frostig, doch auf dem Hohen Bopser drängte sich die Menge. Die Menschen blickten hinauf zu einem Bauwerk, das wirkte, als käme es aus der Zukunft. Der Aufzug katapultierte sie in Sekunden von unten hinauf auf die Aussichtsplattform in 150 Metern Höhe. Oben weitete sich der Blick: über den Stuttgarter Kessel, hinüber zur Schwäbischen Alb und an besonders klaren Tagen bis zu den Alpen. „So etwas hat die Welt noch nicht gesehen“, notierte ein Reporter tags darauf. Und er lag richtig.
Selbst Staatsgäste wollten hinauf. Als Queen Elizabeth II. 1965 Stuttgart besuchte, ließ sie es sich nicht nehmen, den Fernsehturm zu besichtigen. Protokoll hin oder her – oben im Turm nahm sich die Monarchin mehr Zeit als geplant, um über die Dächer der Stadt und die Hügel des Umlands zu schauen. Für viele Stuttgarter war das der Moment, in dem aus dem kühnen Bauwerk endgültig ein Stück Weltbühne wurde.
Eigentlich wollte der Süddeutsche Rundfunk nur einen schlichten Stahlgittermast aufstellen. Rein funktional, ohne besonderen Anblick. Doch der Stuttgarter Bauingenieur Fritz Leonhardt, damals 44 Jahre alt, widersprach. Er schlug einen Turm aus Spannbeton vor, ein Material, das man bis dahin vor allem von Brücken kannte. Und er dachte weiter: Er wollte ein öffentliches Gebäude schaffen, mit Aussicht, Restaurant und architektonischem Charme. „Technisch Notwendiges kann auch schön sein und den Menschen Freude bereiten“, sagte Leonhardt später.
Am 10. Juni 1954 begannen die Bauarbeiten. Nur 20 Monate später stand der Turm auf einem ringförmigen Fundament, das die 3.000 Tonnen Stahlbeton trug und Bewegungen der Turmspitze bis zu 30 Zentimetern ohne Stabilitätsverlust zuließ. Computer in jedem Büro gab es damals noch nicht; Leonhardt und sein Team rechneten mit Rechenschiebern und Spannkraftmodellen aus Gummibändern.
Zur Sicherheit verdoppelte Leonhardt die in den Vorschriften vorgesehenen Windkräfte. Sein Turm, so kalkulierte er, würde erst bei einer vielfach stärkeren Windlast versagen, als sie je in Baden-Württemberg gemessen worden war. Die Baukosten von 4,2 Millionen Deutscher Mark (rund 2,15 Millionen Euro) amortisierten sich binnen fünf Jahren allein durch Eintrittsgelder. Ein bemerkenswerter Erfolg für ein Bauwerk, das viele anfangs für ein riskantes Experiment hielten.
Aus dem Wagnis wurde ein Vorbild für die Welt. Fernsehtürme in Frankfurt, Dortmund, Wuhan und Johannesburg folgten Leonhardts Prinzip. Auch Sydney und Toronto nahmen Stuttgart als Blaupause. Der Bauingenieur Jörg Schlaich, Leonhardts späterer Schüler, schrieb: „Der Stuttgarter Fernsehturm blieb das unübertroffene Vorbild, auch wenn andere später höher bauten.“
In den 2000er Jahren verlor der Turm seine Sendeantennen, moderne Anlagen übernahmen die technische Arbeit. Doch sein Symbolwert blieb. Seit 1986 steht er unter Denkmalschutz, 2009 wurde er als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ ausgezeichnet.
Eine brandschutzbedingte Schließung stoppte 2013 für drei Jahre den Publikumsverkehr, doch seit 2016 ist der Fernsehturm wieder offen – und zieht Jahr für Jahr Hunderttausende an. Insgesamt haben mehr als 27 Millionen Menschen den Ausblick von oben genossen. Heute überragen Fernsehtürme in Toronto (553 Meter) oder Tokio (634 Meter) den Stuttgarter deutlich. Doch der Pionier bleibt unerreicht. Ohne ihn gäbe es viele dieser Symbolbauten nicht. Und Stuttgart hätte ein Wahrzeichen weniger. (0222/28.01.2026)