Waldschutz mit Folgen – Warum Kaffee teurer werden könnte

Die Europäische Union will Wälder schützen. Ihre Entwaldungsverordnung bringt jedoch äthiopische Kaffeebauern in Bedrängnis. Das könnte sich auch auf den deutschen Kaffeepreis auswirken.
Waldschutz mit Folgen – Warum Kaffee teurer werden könnte
Neue EU-Regeln setzen Kleinbauern in Äthiopien unter Druck - Imago / Xinhua
Hände tragen Äthiopiens milliardenschwere Kaffeebranche - nicht Maschinen. Lediglich etwas Dreck unter den Fingernägeln verrät, dass die langen, eleganten Hände von Mulugeta Kenea hart arbeiten. Ohne fließendes Wasser, Internet und Strom baut er Kaffee an. Nur auf seinem Dach habe er ein kleines Solarpanel installiert, sagt der hagere 40-Jährige. Die grauen Schläfen und seine bedächtige Stimme strahlen mehr Lebenserfahrung aus, als sein Alter vermuten lässt. Mulugeta zählt alle Glühbirnen auf, die sein Solarpanel versorgt: "Die erste ist im Wohnzimmer, die zweite in meinem Schlafzimmer. Die dritte ist in der Küche und die vierte befindet sich in dem Zimmer, in dem meine Kinder lernen." Mobiles Netz gibt es in Genji Village im Westen von Äthiopien kaum. Der Kaffeebauer könnte ein Smartphone ohnehin nicht bedienen, denn Lesen und Schreiben hat er nicht gelernt. Stattdessen besitzt er ein altes Tastenhandy zum Telefonieren.

EU-Verordnung setzt äthiopische Kleinbauern unter Druck

Etwa 95 Prozent des äthiopischen Kaffees wachsen auf Plantagen von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Nun könnte die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) Mulugeta - und laut UN-Schätzung fünf Millionen weitere Kleinbauern - vor große Herausforderungen stellen: Ab dem 30. Dezember 2026 müssen Händler und verarbeitende Betriebe nachweisen, dass für ihren Kaffee kein Wald abgeholzt wurde.
Für Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten und einem Jahresumsatz unter zehn Millionen Euro greift das Gesetz ab Juni 2027. Kaffeebauer Mulugeta müsste dafür Standortdaten seiner Parzellen zuliefern. Im Abgleich mit Satellitenbildern von vor 2021 kann anschließend festgestellt werden, ob auf seiner Plantage früher noch Wald stand. Doch von der EU-Entwaldungsverordnung hat Mulugeta noch nie gehört. Und er versteht nicht, warum er nachweisen müsse, dass er keine Bäume gefällt habe. Konsterniert zeigt er auf seine Plantage: "Diese Bäume hier gab es noch nicht, bevor ich Kaffeesträucher gepflanzt habe." Akazien und Afrikanische Cordien wachsen zwischen den dichten Reihen von Kaffeesträuchern - und spenden der gesamten Plantage Schatten. Trotz wolkenfreiem Himmel ist es hier angenehm kühl. Ringsum leuchten rote Arabica-Kaffeekirschen aus dem tiefgrünen Blätterdickicht hervor. Es ist Erntezeit.

 EU-Entwaldungsverordnung könnte Bauern hart treffen

Der Agrarwissenschaftler Addis Alemayehu Tassew vom Southwest Ethiopia Agricultural Research Institute kann die Verwunderung über die EU-Entwaldungsverordnung nachvollziehen: "Fast der gesamte äthiopische Kaffee ist nach meinem Wissen Arabica-Kaffee. Diese Art ist schattenliebend und wird unter Bäumen angebaut." Demgegenüber wächst Kaffee in Brasilien vielfach in über 50 Hektar großen Monokulturen. Mulugetas Kaffeeplantage ist einen Viertel Hektar groß. "Das wird eine weitere große Belastung für diese ohnehin schon armen Bauern sein", sagt Bahritu Seyoum, Projektdirektorin von Menschen für Menschen. Die Hilfsorganisation fördert den Kaffeeanbau in Äthiopien, denn die schattenspendenden Bäume auf den Plantagen tragen zur Aufforstung bei. "Es fängt beim Handy an, das Standortdaten erfassen kann. Dann müssen sie auch noch in der Lage sein, die Daten zu erfassen." Bahritu sorgt sich, dass Kaffeebauern künftig Abnehmer verlieren könnten, wenn sie den Nachweispflichten nicht nachkommen können.

Äthiopiens Kaffeebauern fehlt es an Personal und Ausstattung

Die logistische Herausforderung ist enorm, denn Millionen von Bauern müssen informiert und die Standortdaten ihrer kleinen Kaffeeplantagen eingesammelt werden. Agrarwissenschaftler Addis bezweifelt, dass Äthiopiens Kaffeebauern die Frist zum Jahresende einhalten können. "Uns fehlt alles: technische Ausstattung, qualifiziertes Personal und finanzielle Mittel." Mögliche finanzielle Einbußen träfen nicht nur Kleinbauern. "Während der Erntezeit stellen wir Frauen als Erntehelferinnen ein. Auf diese Weise profitieren auch Frauen außerhalb unseres Haushalts von der täglichen Arbeit hier", sagt Mulugetas Frau Mulu Tashome. Während der Erntesaison bezahlen sie täglich fünf bis acht Helferinnen.

Keine Sonderregel für Äthiopiens Kaffee

Auf die Besonderheiten ihres waldfreundlichen Kaffees nimmt die EU-Verordnung keine Rücksicht. Sie löst die bestehende EU-Holzhandelsverordnung ab und weitet deren Geltungsbereich aus: Die Entwaldungsverordnung soll nicht nur bei Holzimporten entwaldungsfreie Lieferketten sicherstellen, sondern auch bei Kakao, Palmöl, Rind, Kautschuk, Soja und Kaffee. "Aufgrund der Ausweitung auf so viele unterschiedliche Rohstoffe gab es keinen Fokus auf die spezifischen Bedürfnisse einzelner Rohstoffe", sagt Jonathan Zeitlin. Der emeritierte Professor für Public Policy und Governance an der Universität von Amsterdam verfolgt dieses Gesetzgebungsverfahren seit Jahren. "Bemerkenswert ist, dass Kaffee in der gesamten Debatte so gut wie nicht thematisiert wurde", sagt Zeitlin. In der Gesamtschau überwiege für ihn dennoch der potenzielle Beitrag zum Umweltschutz.

Kaffee-Exporte und Preise im Wandel begriffen

Noch landet die Ernte von Kaffeebauer Mulugeta wohl auch in deutschen Kaffeetassen. Monatlich exportiert Äthiopien Kaffee im Wert von etwa 40 Millionen Euro nach Deutschland. Damit ist Deutschland gegenwärtig der größte Absatzmarkt für äthiopischen Kaffee. Agrarwissenschaftler Addis rechnet damit, dass sich die Exporte in Richtung anderer Märkte wie Saudi-Arabien verschieben werden. Entscheidungen über Exportziele und die Umsetzung der neuen Verordnung werden ohne Mulugeta getroffen. Auch den Verkaufspreis seiner Ernte diktieren ihm lokale Händler. "Sie sagen, nicht sie seien dafür verantwortlich, sondern der internationale Markt bestimme den Kaffeepreis", berichtet Mulugeta. "Ich finde das nicht fair." 2025 zahlten Kaffeehändler in der Region für ungeröstete Bohnen etwa drei Euro pro Kilo. Unter Berücksichtigung des Gewichtsverlusts während des Röstprozesses entspricht das etwa 15 Prozent des Preises von Arabica-Kaffee in deutschen Supermärkten. Doch Mulugeta muss seine unbehandelten Kaffeekirschen zu noch geringeren Preisen verkaufen: Er besitzt keine Maschine zur Entfernung von Fruchtfleisch und Schale. Seine Arbeit bleibt Handarbeit.

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