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Neue Quizshow auf Amazon Prime badet in Gigantismus

Eigentlich ist die Idee der “Yes or No Games” gut: 160 Kandidaten, zwei Antwortoptionen, einer wird gewinnen. Leider ist Amazon Prime ein bisschen zu vernarrt in seine LED-Kulisse. Ein Setbesuch in Köln-Ossendorf.

Optische Täuschungen sind psychomechanische Wunder. Mit einfachen Mitteln – gegenüberliegenden Spiegeln zum Beispiel – lässt sich das menschliche Gehirn austricksen. Und das sogar, wenn es sich der Täuschung voll bewusst ist. Dann fährt man durchs verkehrsumtoste Autobahnkreuz Nord zu den TV Studios in Köln-Ossendorf, läuft über trostlosen Asphalt zur noch trostloseren Halle 53 und wähnt sich in einer gigantischen Bibliothek, unter Gladiatoren oder auf Pyramiden. Wobei – eigentlich wissen die Kandidaten einer neuen Quizshow genau, dass es sich dabei um virtuelle Realitäten handelt.

Aber wenn man sie so kumpelhaft wie Steven Gätjen darum ersucht, überrascht zu tun – wer kann da schon abgebrüht bleiben? “Macht bitte ruhig mal alle ‘Wow’ und ‘Oh'”, hatte der Moderator im Slang seiner Hamburger Heimatstadt gebeten. Als sein eigener Animator quasi. Aber als sich die 128 Ratefüchse plötzlich in einem Herbstwald befinden, der tatsächlich nach Laub zu riechen scheint, und bald darauf im attischen Olympia, als sei die Antike nicht 2000 Jahre, sondern 20 Minuten her, wirkt ihre Überraschung gar nicht mehr inszeniert.

Wir befinden uns schließlich bei einem Unterhaltungsevent der außergewöhnlichen Art. Oder wie Produzent Volker Neuenhoff den alten Wein in neuen Schläuchen beschreibt: “Das Showkonzept ist nicht neu”, die Darreichungsform dagegen habe es “selbst in Hollywood in der Form noch nie gegeben”. Deutsches Streaming auf Weltniveau also: Kein Wunder, dass Amazon Prime das Produkt nicht deutsch betitelt, sondern global als “Yes or No Games”.

Einfacher Grundgedanke: Insgesamt 160 Kandidatinnen und Kandidaten aus dem deutschsprachigen Raum müssen über mehrere Runden hinweg Fragen mit ja oder nein beantworten, bis einer das Autobahnkreuz Nord mit 100.000 Euro Preisgeld verlässt.

Weil “einfach” in der Aufmerksamkeitsindustrie allerdings Abschaltimpulse erzwingt, sind die wahren Hauptdarsteller dieser sechsteiligen Quizshow weder Steven Gätjen noch das Ratekonzept, geschweige denn Gewinn und Gewinner. Unangefochtener Star ist der 576 Kubikmeter große “Magic Cube”. Eine dreidimensionale LED-Wand aus Abermillionen von Pixeln, die “Augmented Reality so mit Virtual Reality kombiniert, dass Audience und Kandidaten immersiv und interaktiv eingebunden sind”, wie Rebecca Lutz es formuliert.

Was die Creative Producerin der Show beim Rundgang durch Studio 53 im Branchenjargon umschreibt, hat der Emmy-prämierte Set-Designer Florian Wieder mit seiner internationalen Expertise aus “American Idol” oder “The X Factor” nach zweieinhalbjähriger Planung für 14 Drehtage pro Staffel ins linksrheinische Industriegebiet gerammt. Digitalisiert von einer Reihe hochspezialisierter Entertainment-Startups, lässt die Kulisse Illusion und Wirklichkeit in einer zwölf mal zwölf Meter großen 360-Grad-Welt diffundieren. Und zwar in Echtzeit.

Für den technischen Erfolg bearbeiten drei Dutzend Fachleute das Gezeigte noch während der Aufnahme unablässig an nahezu 100 Flatscreens. Für den Publikumserfolg allerdings kommen noch weitere Komponenten hinzu. Spiel, Spaß, Spannung natürlich. Vor allem aber: Gefühle. Oder in den Worten von Produzent Mike Timmermann: “Besondere Charaktere, die die Folgen auch emotional verbinden.” Und damit zum Personal der ersten Staffel, die jetzt komplett bei Amazon Prime online geht: Halstätowierte und Schlauchbootlippen, Muskelpakete und Gehirnakrobaten, kleine Angestellte und Kopftuchträgerinnen, eine Transperson und ganze Familien.

Mehr Provinz als Prenzlauer Berg, entsprechen die Spielenden eher Markus Söders als Robert Habecks Deutschland und damit größtenteils der gewohnten Reality-Belegschaft. Deshalb gibt es auch einen elegant möblierten Backstagebereich, in dem sie sich zwischen zwei Challenges zum Interagieren, Intrigieren oder auch einfach bloß zum Smalltalk sammeln. Doch zuvor reisen die 128 Premieren-Gäste virtuell durchs All. Verglichen mit dem Stand der Technik ist die Animation der ersten Mondlandung jetzt allerdings auch nicht viel spektakulärer als die Frage dazu: “Wir befinden uns im Jahr 1964”, raunt Steven Gätjen: “Yes or No, stay or Go?” Für Rätselfreudige wird die korrekte Antwort selbstverständlich ebenso wenig verraten, wie jene, ob unsere Blutgefäße insgesamt 5.000 Kilometer lang sind und welche fünf Tiere in der Simulation eines Asiatischen Dschungels wirklich dort heimisch sind.

Dabei geht es in den “Yes or No Games” nur am Rande um das Quiz an sich. Unterhaltungsökonomisch wichtiger ist der Wow- und Oh-Effekt selbsterklärter Superlative, den Gätjen bei abgeschalteten Kameras nur zu Beginn noch einfordern muss. “Entrepreneurin Nika, 27” haucht das autosuggestive “einfach atemberaubend” also freiwillig ins Mikro der Show, die entfernt an “1, 2 oder 3” mit eigener Chillout-Zone zum Zanken erinnert – nur dass Michael Schanze drei Jahrzehnte vor Heidi Klum nicht jede Antwort künstlich zerdehnen musste.

Selbst Quizshows bringen es mittlerweile offenbar nur noch über die Wahrnehmungsschwelle, wenn sie in Gigantismus baden und Genres mischen – oder besser gleich beides. Dabei ist das Konzept einer Ratesendung mit den denkbar schlichtesten Antwortoptionen, die das Teilnehmerfeld nach jeder Frage halbieren, in seiner Schlichtheit so originell wie zuletzt vielleicht “Jeopardy”. Zum ersten Mal gab es das 1964. Doch sechs Jahrzehnte später wird die Idee mit Größenwahn, Firlefanz und Drama aufgeblasen, bis das Ratespiel dahinter verschwindet wie der “Magic Cube” im Kölner Industriegebiet. Schade eigentlich.