Die Geburt des wohl bekanntesten Monsters fand im Sommer 1816 am Genfer See statt. Das Wetter war ungewöhnlich kalt und regnerisch. Eine Gruppe junger Autoren und Literaturliebhaber, darunter Lord Byron, Percy Bysshe Shelley und seine spätere Frau Mary Godwin, vertrieb sich mit dem Vorlesen von Schauergeschichten die Zeit. Schließlich wurde ein Wettbewerb ausgerufen: Jeder sollte selbst eine Gruselgeschichte schreiben.
Die 19-jährige Mary Godwin, die mit dem verheirateten Dichter Shelley durchgebrannt war, hatte einen unheimlichen Traum, wie sie es im Vorwort ihres Romans beschreibt: von einem „blassen Studenten unheiliger Künste“, der eine Kreatur zusammengesetzt und durch Apparate zum Leben erweckt. Sie sei so besessen von dem Einfall gewesen, dass es sie vor Furcht geschaudert hätte. Denn wie „höchst erschreckend würde es sein, wenn sich ein Mensch anmaßte, den erstaunlichen Mechanismus des Schöpfers der Welt nachzuahmen“, schrieb die Autorin, die am 1. Februar vor 175 Jahren starb.
Ihr Roman „Frankenstein oder der moderne Prometheus“, der im März 1818 zunächst anonym veröffentlicht wurde, sollte ihr bekanntestes Werk bleiben. Es wurden immer wieder weitere Auflagen gedruckt, in Bühnenbearbeitungen kam die Geschichte auch ins Theater. Später stakste das unbeholfene Monster durch zahlreiche Filme: Die Verfilmung von 1931 mit Boris Karloff als das von Victor Frankenstein geschaffene Monster wurde zu einem Klassiker des Horrorfilms. 1994 verkörperte Robert De Niro die Kreatur in dem Film von Kenneth Branagh.
In ihrem Roman betrat die junge Mary Godwin Neuland, vermutlich ohne es zu wissen: Indem sie das Monster durch wissenschaftliche Experimente entstehen ließ, ersetzte sie das Übernatürliche des Schauerromans durch Wissenschaft. Daher gilt sie heute als Pionierin der Science-Fiction-Literatur, wie die Literaturwissenschaftlerin Anne Mellor in einer ZDF-Doku über „Science Fiction Propheten“ sagt. Sie habe den Stand der Wissenschaft ihrer Zeit beschrieben und diese kritisch beleuchtet. Zudem habe sie vorhergesagt, was geschehe, wenn Wissenschaft und Technik nicht kontrolliert werden.
Inspiriert wurde die Autorin sehr wahrscheinlich durch die nächtlichen Diskussionen am Genfer See. Dabei soll es unter anderem um philosophische Lehren über das menschliche Leben und die Möglichkeit gegangen sein, menschliches Leben zu erschaffen. Bekannt waren zu der Zeit die Experimente des italienischen Arztes Luigi Galvani sowie des Naturphilosophen Erasmus Darwin, die durch Stromstöße an tierischen oder menschlichen Leichen Reflexe ausgelöst hatten.
Geboren wurde Mary Godwin am 30. August 1797 in London. „Es ist nichts Besonderes, dass ich als Tochter zweier berühmter Persönlichkeiten schon sehr früh im Leben daran gedacht habe, zu schreiben“, erklärt sie im Vorwort ihres Frankenstein-Romans. Ihre Mutter Mary Wollstonecraft war eine Frauenrechtlerin, die mit ihrem Werk „Verteidigung der Rechte der Frau“ (1792) eine der frühesten und grundlegenden Arbeiten der Frauenrechtsbewegung verfasste. Ihr Vater, der Sozialphilosoph und Begründer des philosophischen Anarchismus, William Godwin, soll die Französische Revolution gefeiert und sich für die freie Liebe eingesetzt haben.
Marys Beziehung mit dem jungen Dichter Percy Shelley war turbulent: Sie war bald von ihm schwanger, er war verheiratet. Die beiden brannten durch, erst nach Genf, später lebten sie einige Jahre in Italien. Die Ehefrau Shelleys beging Suizid. Danach heirateten Mary und Percy. Von den vier Kindern überlebte nur ihr Sohn William. Shelley kam 1822 bei einem Bootsunfall auf dem Meer ums Leben.
Percy Shelley hatte Mary zunächst bei ihrer Karriere als Schriftstellerin unterstützt. Sie überflügelte jedoch bald ihren Mann. Zu ihrem Gesamtwerk zählen mehrere Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücke, Essays, Gedichte, Rezensionen, Biografien und Reiseerzählungen. Außerdem gab sie das Werk ihres Ehemanns heraus. Am 1. Februar 1851 starb Mary Shelley im Alter von 53 Jahren in London, vermutlich an einem Hirntumor.
In der öffentlichen Wahrnehmung blieb die Schriftstellerin lange Zeit im Schatten ihres Mannes. Erst seit den 1950er Jahren, zum 100. Todestag, sei Mary Shelley als eigenständige Autorin wiederentdeckt, und auch ihre anderen Werke seien zugänglich gemacht worden, schreibt die Autorin und Shelley-Biografin Muriel Spark.
Shelleys Frankenstein-Monster lässt noch heute Kino-Zuschauer gruseln – zuletzt im Jahr 2025 im Science-Fiction-Horrorfilm von Regisseur Guillermo del Toro. Der Schriftstellerin selbst setzte die Regisseurin Haifaa Al Mansour 2017 mit der Filmbiografie „Mary Shelley“ ein Denkmal.