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“Holocaust”-Ausstrahlung 1979: “Die riefen teilweise weinend an”

Günter Rohrbach, Jahrgang 1928, war vor fast 50 Jahren die treibende Kraft hinter der Ausstrahlung der US-Miniserie „Holocaust“. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erzählt er von weinenden Anrufern und warum die Serie fast an der ARD-Programmkonferenz gescheitert wäre.

epd: Herr Rohrbach, Sie waren im Jahr 1979 maßgeblich daran beteiligt, dass die Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ im deutschen Fernsehen lief. Wie kam es dazu?

Rohrbach: Ich war damals Fernsehspielchef beim WDR. Es war meine Entscheidung, diese Serie zu kaufen, gemeinsam mit meinem Redakteur Peter Märthesheimer, der die konkrete Arbeit dann später übernommen hat. Die Serie zu zeigen, war damals eine sehr umstrittene Sache.

epd: Inwiefern?

Rohrbach: Wir wollten die Serie gemeinsam als ARD kaufen, das war damals noch ungewöhnlich. Neben finanziellen Gründen gab es einen ganz banalen Grund: Jeder Sender hatte einen gewissen Prozentsatz, den er für das erste Programm liefern sollte, der WDR 25 Prozent. Ich wollte mit dieser Serie unsere Termine nicht voll pflastern. Also habe ich den Fernsehspielchefs der übrigen Sender einen gemeinsamen Ankauf der Serie vorgeschlagen. Doch keiner der Kollegen war bereit, sich zu beteiligen. Ich habe dann entschieden, die Serie als WDR allein zu kaufen. Die gleiche Auseinandersetzung fand dann später in der Programmkonferenz der Direktoren statt. Auch hier gab es Widerstand, nun gegen die Ausstrahlung im ersten Programm.

epd: Wie konnte eine Einigung erzielt werden?

Rohrbach: Es gab eine Abstimmung, damals gab es neun Sender unter dem Dach der ARD: Mit fünf zu vier Stimmen wurde für die Ausstrahlung gestimmt. Heinz Werner Hübner (1921-2005), der damalige Programmdirektor des WDR, war aber der Ansicht, als einbringender Sender sollte die Stimme des WDR nicht entscheiden. Somit kam es zu einem Patt. Irgendwer schlug dann als Ausweg vor, die Serie gemeinsam in den dritten Programmen auszustrahlen. Das hatte es bis dahin auch noch nicht gegeben.

epd: Wieso wurde über die Ausstrahlung von „Holocaust“ überhaupt so heftig debattiert?

Rohrbach: Es gab zwei Argumente dagegen, je nach politischer Orientierung. Die, ich sage mal eher rechten, konservativen Stimmen fanden, dass die Zuschauer mit dem Thema ausreichend befasst worden seien. „Das wissen wir doch alles längst, das lief doch schon hundertmal in den Medien auf und ab, wir wollen die Menschen damit nicht weiter belästigen“, so oder so ähnlich waren deren Argumente. Die konservative Haltung wurde sehr stark vom Bayerischen Rundfunk vertreten. Auch der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß (1915-1988) spielte dabei keine unwichtige Rolle. Er meinte, wir sollten uns nicht weiter zum Opfer machen.

epd: Was konnte die eher links ausgerichtete Fraktion dagegen haben?

Rohrbach: Die linke Seite war sehr stark in der Presse vertreten, etwa beim „Spiegel“, der „Zeit“ oder der „Süddeutschen“. Die standen der Machart der Serie skeptisch gegenüber: In Amerika waren die einzelnen Folgen kürzer und mit Werbeunterbrechungen im klassischen Stil der „Soap Opera“ gesendet worden. So war der Begriff der Seifenoper in der Welt, das heißt, die Serie war ästhetisch diskreditiert. In der Tat war die Tatsache, dass der Holocaust erstmals im Stile einer Filmerzählung dargestellt worden war, auch für uns ein Problem. Dennoch schien es uns unangemessen, dass ausgerechnet wir Deutschen ästhetische Gründe gegen diesen Film mobilisieren würden.

epd: Wie waren die Reaktionen auf die Ausstrahlungen?

Rohrbach: Die Sendung hat wahrscheinlich den größten Aufschlag gehabt, den je eine Sendung im deutschen Fernsehen hatte. Es kam zu einer unfassbaren Fülle an Reaktionen aus allen Richtungen. Wir hatten uns natürlich gründlich vorbereitet: Vor der Ausstrahlung gab es eine Pressevorführung, die als Presseseminar mit Historikern organisiert war. Nach der Ausstrahlung jeder Folge schloss sich eine Diskussion mit Fachleuten unterschiedlicher Richtung an. Während der Ausstrahlung hatten wir Leitungen geschaltet, die eingehende Bemerkungen und Beschwerden aufnahmen.

epd: Gab es davon viele?

Rohrbach: Mit Beschwerden hatten wir gerechnet, und die gab es auch. Aber ganz überwiegend waren es positive Bekundungen, wenn man diese so nennen kann: Entsetzte Anrufe vor allem auch von jungen Leuten, die offenbar keine Vorstellung davon hatten, was damals geschehen war, dabei war es doch Schulstoff. Im Fernsehen hatte es zahlreiche Dokumentationen gegeben. Aber der Unterschied war, dass man hier die Ereignisse an betroffenen Menschen miterleben konnte, dass also an unsere Gefühle appelliert wurde. Und der Film – was man ihm auch vorgeworfen hat – ging sehr weit in der Darstellung der Ereignisse, bis in die Gaskammern hinein. Die jungen Menschen waren nicht nur entsetzt, die riefen teilweise weinend an: War da möglicherweise mein Großvater beteiligt? Und auch was danach in der Presse ablief, war vergleichbar. Man kann nicht sagen, dass sich die Deutschen bis dahin mit den Verbrechen der Nazis nicht beschäftigt hätten. Aber die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust begann erst jetzt, und endlich hatte die Sache auch einen Namen.

epd: Was haben Sie selbst gefühlt?

Rohrbach: Für mich als Programmmacher war das fast schon eine – ich will nicht Offenbarung sagen -, aber ich habe etwas gelernt aus dem Ereignis. Wir hatten so etwas ja noch nie gewagt, es war für uns auch ganz und gar unvorstellbar. Mit Gefühlen sind wir damals noch sehr skrupulös umgegangen. Gefühle standen immer unter dem Kitschverdacht. Genau diesen Kitschverdacht gab es ja auch bei der Holocaust-Serie. Wir Filmmacher haben aus der Ausstrahlung gelernt, dass wir nicht zu ängstlich sein dürfen vor den Gefühlen.

epd: Hat der Inhalt der Serie etwas mit Ihnen gemacht?

Rohrbach: Ich hatte den Holocaust-Schock sehr viel früher erlebt, mit 16 Jahren, als ich die ersten Bilder aus den Lagern sah und in aller Härte erfuhr, unter welchem Regime wir gelebt hatten. Ich war also aufgeklärt, ich wusste, was in Auschwitz und anderswo vorgefallen war. Wer in dieser Zeit als Erwachsener gelebt hat, hätte das wissen sollen. Mich hat mehr die Art, wie die Menschen auf die Serie reagiert haben, mitgenommen und die Erkenntnis, dass wir noch eine dringende Aufklärungsarbeit vor uns hatten.

epd: In der Originalversion endet die Serie versöhnlicher als in der deutschen Fassung.

Rohrbach: Wir fanden, dass wir Deutschen ein versöhnliches Ende nicht verdient hätten. Darum haben wir das geändert.