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Gesundheitsexperten: Kranke nicht unter Generalverdacht stellen

Gesundheitsexperten der SPD und der Grünen haben die Debatte um die telefonische Krankschreibung kritisiert. „Die telefonische Krankschreibung ist kein ‘Freifahrtschein’“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Christos Pantazis, den Zeitungen der Essener Funke Mediengruppe (Mittwoch). Diese Möglichkeit schütze in der Erkältungs- und Grippesaison vor Ansteckungen im Wartezimmer, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Janosch Dahmen, den Funke-Zeitungen. Auch der Hausärzteverband forderte die Beibehaltung. Unternehmer forderten hingegen die „Rückkehr zum alten System“.

Wer krank sei, solle sich auskurieren können, sagte Pantazis weiter. „Und wer das System stabil halten will, muss Krankheiten verhindern, nicht Kranke unter Generalverdacht stellen.“ Im Koalitionsvertrag sei vereinbart, die telefonische Krankschreibung so zu verändern, dass Missbrauch ausgeschlossen sei. „Wer jetzt jedoch reflexhaft die telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zum Sündenbock macht, verwechselt Symptom und Ursache“, kritisierte der Gesundheitspolitiker.

Die telefonische Krankschreibung reduziere unnötige Arztkontakte und schütze gerade in der Erkältungs- und Grippesaison vor Ansteckungen im Wartezimmer, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Janosch Dahmen, den Funke-Zeitungen. „Die Einführung der telefonischen Krankschreibung ist nicht die Ursache für den Anstieg an Krankheitstagen“, sagte Dahmen. Das sei vielmehr auf „die Digitalisierung der Erfassung und damit überwiegend auf einen statistischen Effekt zurückzuführen“.

Statt die telefonische Krankschreibung ins Visier zu nehmen, müssten die echten Kostentreiber im Gesundheitssystem angepackt werden, sagte Dahmen der „Rheinischen Post“ (Mittwoch). Bekämpfen lasse sich der hohe Krankenstand nur mit besserer Versorgungssteuerung und Prävention. „Dafür braucht es endlich ein Primärarztsystem, echte Strukturreformen und Maßnahmen gegen übermäßigen Konsum von Alkohol, Tabak und Zucker.“

Die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung schütze vulnerable Gruppen, wie ältere und chronisch kranke Patienten, davor, sich „zusätzlich in unseren Wartezimmern anzustecken“, sagte Elke Cremer vom Hausärzteverband Nordrhein am Mittwoch im WDR-Radio. Die telefonische Krankschreibung sei zudem nur bei Patienten möglich, „die wir bereits kennen“. Patienten, die eher leicht erkrankt seien, die den Rat brauchen, ein fiebersenkendes Mittel zu nehmen, sich auszuruhen oder Tee zu trinken, die müsse ein Arzt dafür nicht unbedingt persönlich sehen.

Der Hauptgeschäftsführer des Verbands Unternehmer NRW, Johannes Pöttering, sprach sich im WDR-Radio hingegen für eine Rückkehr zum alten System aus und verwies auf Regelungen mit Karenztagen in anderen europäischen Ländern. Er forderte, „moderate Instrumente einzusetzen, die helfen, die Krankenstände zu senken und auch einen Anreiz setzen, dass diejenigen, die nicht krank sind, zur Arbeit kommen.“

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte kritisiert, dass der Krankenstand in Deutschland zu hoch sei. Er stellte deswegen die Möglichkeit infrage, telefonisch und ohne Praxisbesuch eine Krankschreibung bekommen zu können. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) erklärte daraufhin, die Regelung zur telefonischen Krankschreibung zu überprüfen.