Die Beziehungen Russlands zum Westen sind seit dem 11. Jahrhundert ständigem Wechsel unterworfen. Damals trennten sich Ost und Westkirche. Der Autor Manfred Hildermeier sieht darin die tiefe und eigentliche Ursache für die Entfremdung Russlands von Westeuropa. Der religiöse Gegensatz führte zu einer kulturellen Entfremdung.
Viele Zaren und Zarin Katharina II. strebten Richtung Westen
Mit der wirtschaftlichen und materiell-zivilisatorischen Überlegenheit des Westens wuchs seine Anziehungskraft. Die Haltung russischer Herrscher pendelte ständig zwischen Abgrenzung und Wertschätzung. Schon im 16. Jahrhundert sah Zar Iwan IV. sein Land im Rückstand. Seine Nachfolger holten ausländische Fachkräfte ins Land, um Industrie und Technik voranzubringen. Bekannt sind die teils gewaltsamen Reformen Peter des Großen (1672– 1725) und der Zarin Katharina II. (1729–1796). Beide versuchten, Russland nach westeuropäischem Vorbild umzustrukturieren. Während Zar Peter eher militärisch-technische Zwecke verfolgte und eine effiziente Verwaltung anstrebte, ging es Katharina stärker um eine kulturelle Europäisierung.
Dikatator Stalin und Reformer Gorbatschow
Auch in den letzten Jahren vor der Revolution 1917 bemühte sich der Zar um Reformen. Dem Diktator Stalin war nicht an einer Demokratisierung gelegen, wohl aber an einer Überwindung der „altrussischen Lethargie“. Gewaltsam forcierte er eine Ausweitung der Energiegewinnung, den Aufbau einer neuen Schwerindustrie und die Anwendung moderner Technologien. Gorbatschow öffnete das Riesenland für Demokratie.
Jelzin und Putin
Jelzin stellte die Weichen für eine Rückkehr zu autokratischer Herrschaft. Er holte die orthodoxe Kirche an seine Seite. Putin nun will durch die „neue russische Idee“ einen exklusiven Nationalismus, ein Sendungsbewusstsein Russlands stärken und eine Abkehr von westlicher liberaler Demokratie erreichen. Mit moralischem Überlegenheitsanspruch Russlands begründet er seine Außenpolitik, die 2014 zur Annexion der Krim und 2022 zum Überfall der Ukraine führte.
Fazit über das Buch
Eine gut lesbare, bis in die Gegenwart reichende Darstellung des Verhältnisses Russlands zum „Westen“.
Manfred Hildermeier, Die rückständige Großmacht. Russland und der Westen. Verlag C. H. Beck München 2022. 271 Seiten, 18 Euro
