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Bloß keine süßlichen Engel

Ingrid Schubert lebt und arbeitet mit ihrem Mann Dieter als Illustratorin von Kinderbüchern. Auch die Bilder für die Brockhaus-Kinderbibel mit Texten von Eckart zur Nieden sind von ihnen.

Dem Leben zugewandt: Noah und der Regenbogen. Wie auf fast allen Bildern der Kinderbibel haben Tiere einen Auftritt.
Dem Leben zugewandt: Noah und der Regenbogen. Wie auf fast allen Bildern der Kinderbibel haben Tiere einen Auftritt.SCM R. Brockhaus-Verlag

1992 hat der Brockhaus-Verlag Sie beide gefragt, ob Sie eine neue Kinderbibel illustrieren möchten. Waren Sie überrascht?
Ingrid Schubert: Ehrlich gesagt: ja. Eine Bibel passte eigentlich so gar nicht in unser Leben. Ich selbst bin katholisch und habe meiner Kirche mit 17 den Rücken gekehrt; mein evangelischer Mann hat ebenfalls keine engere Bindung an die Kirche. Wir haben dann mit einem Freund gesprochen, der die Bilder für eine holländische Kinderbibel gemalt hat, und der hat gesagt: Niemand ist besser dafür geeignet als Menschen, die mit einem kritischen Blick an die Bibel herangehen! Das hat den Ausschlag gegeben. Dann habe ich dem Verleger noch gesagt, dass ich keine süßlichen Engel mit Flügeln malen werde. Als das geklärt war, haben wir zugesagt.

Was war Ihnen wichtig beim Illustrieren biblischer Geschichten?
Als erstes haben mein Mann und ich miteinander überlegt, welchen Stil wir verwenden wollen. Die Illustrationen, die damals für Kinderbibeln üblich waren, waren uns zu sehr vereinfacht, zu dekorativ. Das wird dem Reichtum und der Vielschichtigkeit der biblischen Geschichten nicht gerecht. Wir haben uns für eine realistische Darstellungsweise entschieden, weil wir damit zum Beispiel zeigen konnten, wie die Personen in den Geschichten miteinander in Bezug treten oder wie sich ihre Gefühle in ihrer Mimik spiegeln.

Gibt es weitere Möglichkeiten, um in Bildern Stimmungen auszudrücken?
Die Farben beeinflussen die Wirkung eines Bildes ganz stark. Man kann damit eine positive, fröhliche Stimmung vermitteln, aber natürlich auch etwas Trauriges oder Bedrohliches. Oft haben wir uns dafür Vorbilder in der Kunstgeschichte gesucht. Das Bild, das die Kreuzigung zeigt, ist zum Beispiel mit seinen grauen Farbtönen an den Maler El Greco angelehnt, der im 16. Jahrhundert malte. So bekommt es eine unheilvolle Dramatik.

Schöpfung als eine Art Explosion

Wie sind Sie auf Ihre Motive gekommen?
Wir haben uns intensiv mit der Entstehung und der Auslegung der Bibel auseinandergesetzt und bei vielen Expertinnen und Experten nachgefragt. Aus diesen Informationen haben wir ausgesucht, was uns wichtig erschien. Die Schöpfung zum Beispiel haben wir als eine Art Explosion dargestellt, als Urknall. Als der Verleger das Bild sah, war er überrascht und meinte, so etwas hätte er in einer Kinderbibel noch nie gesehen. Er war dann aber ganz einverstanden. Nur unser erster Entwurf für Adam und Eva war ihm zu „steinzeitlich“, und er hat gefragt, ob wir die bitte menschlicher darstellen können. Das haben wir dann auch gemacht.

Die Figuren, die Sie gemalt haben, sind nicht europäisch-weiß, sondern an den Menschentyp des Vorderen Orients angelehnt. War das für Sie eine Frage?
Nein, kein bisschen. Wir wollten die Personen so historisch getreu wie möglich darstellen. Männer wie Frauen sind schwarz- oder auch mal rothaarig, und die Jünger tragen alle Bärte. Auch die Kleidung und Umgebung haben wir entsprechend gestaltet, ebenso die Tiere. Die zu malen, hat richtig Spaß gemacht – sie spielen in fast allen Bildern eine Rolle.

Wie sind Sie an die Person Jesu herangegangen?
Wir bilden ihn ab als Menschen. Ein Revoluzzer mit einem Auftrag von Gott, der aber auch Ängste und Zweifel hat und in Situationen kommt, die er nicht überblicken kann. Auf einem unserer Bilder steht er an der Pforte zum Garten Gethsemane. Man sieht: Er hätte in diesem Moment auch einfach weggehen können – aber dann akzeptiert er sein Los. Das ist eine Botschaft, die wir den Kindern mitgeben möchten: Wir alle stehen im Leben manchmal vor Entscheidungen, die uns etwas kosten können, und machen es dann trotzdem, weil es uns wichtig ist.

Die Bibel als kulturelles Erbe

Haben die Illustrationen Ihr Verhältnis zur Bibel verändert?
Ja, ganz stark. Ich habe dabei entdeckt, wie reich dieses Buch ist. Es ist unser kulturelles Erbe, und man findet bis heute Trost und Hoffnung darin. Ich fand es auch sehr befreiend, dass wir uns ohne dogmatischen Ballast der Person Jesu nähern und die Geschichte aus unserer Sicht erzählen konnten. Unserer älteren Tochter habe ich in der Zeit viel aus der Bibel erzählt, das fand sie sehr schön. Und mit unserer jüngeren Tochter war ich schwanger, während wir am Alten Testament arbeiteten – das hatte eine besondere Symbolik für mich.

Haben Ihre Kinder auch in Ihrer Bibel geblättert?
Auf jeden Fall. Dem zehnjährigen Sohn meiner Freundin, dem ich ein Exemplar geschenkt habe, hat sie so gut gefallen, dass er gesagt hat: Ich will mich taufen lassen. Sein Vater hat mir erzählt, dass er beim Taufgespräch mit dem Pfarrer unsere Bibel dabeihatte. Das ist doch toll, oder?

• Eckart zur Nieden (Text) und Ingrid und Dieter Schubert (Illustrationen): Die Kinderbibel. SCM R.Brockhaus-Verlag, 424 Seiten, 12,95 Euro. ISBN: 978-3-4172-8832-2