„Wir haben nicht zugehört und wir haben vertuscht.“ Nora Steen, Bischöfin im Nordkirchen-Sprengel Schleswig und Holstein, hat am Donnerstag in Kiel bei der Veranstaltung „Leid und Unrecht“ über die Verantwortung der evangelischen Kirche auch in Bezug auf sexualisierte Gewalt gesprochen. Sie stellte sich bei der von Landtag und Sozialministerium organisierten Veranstaltung den historischen Versäumnissen der Kirche und betonte die Notwendigkeit eines Kulturwandels, wie die Nordkirche mitteilte.
Die ganztägige Veranstaltung unter dem Titel „Anerkennen, Aufarbeiten, Zukunft gestalten“ sollte die Auseinandersetzung mit dem Leid und Unrecht fortsetzen, das Menschen in Einrichtungen der Behindertenhilfe, der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder der damaligen Jugendfürsorge unter unterschiedlicher Trägerschaft widerfahren ist, informierte die Nordkirche. Dabei sollte es um ein breites Spektrum von Ausbeutung, Missbrauch, Gewalt oder Medikamentenversuche gehen.
„Zu lange hat sich auch die Evangelische Kirche der Aufarbeitung nicht konsequent gestellt, hat vertuscht oder Vorgebrachtes als Einzelfälle abgetan“, sagte Steen laut von der Kirche in Auszügen veröffentlichtem Redemanuskript. Zudem müsse die Frage gestellt werden, ob das Machtgefälle zwischen der Institution Kirche und einzelnen Betroffenen „tatsächlich kleiner geworden“ sei.
Steen sprach sich laut den Redemanuskript-Auszügen für verbesserte Schutzkonzepte für Gegenwart und Zukunft aus. Zudem kündigte sie weitere Maßnahmen zur Aufarbeitung und Prävention an, wie die am 30. März startende „Unabhängige Regionale Aufarbeitungskommission“ (URAK) im Verbund Nord-Ost. Steen: „Wir sind auf dem Weg hin zu einer machtsensiblen Kirche, die für alle Menschen der sichere Ort ist, der ihrer Würde entspricht.“
Bereits 2018 beschäftigte sich laut Nordkirche ein Symposium in Schleswig-Holstein mit der Aufarbeitung von Vorgängen in Einrichtungen zwischen 1949 und 1975. Im Plenarsaal des Landeshauses in Kiel kamen jetzt Betroffene, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Politikerinnen und Politiker sowie Vertreterinnen und Vertreter von Trägern erneut zusammen, um Anerkennung, Ursachenforschung und künftige Maßnahmen zu diskutieren.