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Arte-Doku über die historischen Vorläufer des globalen Drogenhandels

Eine französische Arte-Dokumentation zieht verblüffende Verbindungslinien zwischen “Europas Drogenmafia” und der Globalisierung seit der frühen Neuzeit.

Dokumentationen über das profitable Geschäft mit Drogen gibt es immer mal wieder. Dann geht es meist um Dealer und Süchtige oder um behördliche Versuche, globale Handelswege zu kappen. Die zweiteilige Arte-Doku “Europas Drogenmafia” geht an das Thema anders heran. “Wie so oft lohnt sich ein Blick in die Geschichte”, sagt der Offkommentar, worauf Teil eins “Der Reichtum einer Nation” in die niederländische Historie seit Ende des Mittelalters eintaucht.

Dabei zieht die französisch-belgische Koproduktion Verbindungslinien zwischen dem einstigen Handel mit Gewürzen und Tulpen, den “Coffeeshops”, die die Niederlande ab den 1970er Jahren zum beliebten Ziel junger Europäer machten, und der Gegenwart des globalisierten Drogenhandels. Eine Konstante bildet Europas größter Seehafen Rotterdam. Bereits als die Niederländische Ostindien-Kompanie VOC aus den Kolonien – etwa im heutigen Indonesien – Tee, Tabak, Kaffee und Gewürze importierte, gewann der Hafen am Rheindelta seine Bedeutung, die er längst auch für Drogen besitzt. So wie die Vereenigde Oostindische Compagnie als erste Aktiengesellschaft der Welt gelten kann, wird gerne auch von der “Tulpenkrise” 1637 als erstem “Börsencrash” der Welt berichtet. Damals stiegen die Preise für Tulpenzwiebeln in absurde Höhen, was entsprechend riskante Spekulationen nach sich zog.

In diese Tradition botanischer Geschäfte stellt die Arte-Dokumentation auch rauchbar gemachten Schlafmohn. Mit dem wurde bis weit ins 20. Jahrhundert offiziell Handel getrieben, obwohl sein Konsum schon lange vor ersten Verboten als Laster galt. Viel vom sichtlichen Glanz der Niederlande sei “aus heutiger Sicht mit Drogengeldern finanziert” worden, sagt einer der überwiegend niederländischen Experten, zu denen unter anderem der Journalist Jan Meeus und der Kriminologe Tom Decorte von der Universität Gent zählen. Die Doku zeigt dazu schmucke Ziergiebel barocker Häuser und natürlich Vermeers ikonisches Gemälde “Das Mädchen mit dem Perlenohrring”.

Als der nach dem Ersten Weltkrieg gegründete Völkerbund mit der Haager Opium-Konvention den Drogenhandel zu regulieren versuchte, wurden bestehende Märkte zu Schwarzmärkten und weiterhin nicht zuletzt von Niederländern versorgt. Internationale Bedeutung gewann in den 1970er Jahren die Unterscheidung zwischen harten und weichen Drogen, die den Niederlanden dank ihres liberalen Umgangs mit ebendiesen weichere Drogen wie Cannabis den “Ruf des coolsten Reiseziels der Welt” einbrachten. Wobei statt Hippies bald die kapitalistisch organisierte “Unterwelt” das Geschäft übernahm – und weiterentwickelte. Nach dem Mauerfall 1990 eröffneten sich neue Märkte – und statt Heroin, der Droge für “die Hoffnungslosen”, war die synthetische Partydroge Ecstasy gefragt.

Nach dem instruktiven Ausflug in die Vergangenheit zeigt sich Teil zwei “Die Schwäche der Staaten” auf der Höhe der Gegenwart. Seit den 2010er Jahren schreitet die “Containerisierung” des Welthandels voran, sagt der in Utrecht tätige argentinische Kriminologe Damian Zaitch. Hier benennt die Doku ethnische Aspekte deutlicher als viele um Korrektheit bemühte deutsche Filme es wohl täten.

Da die von den USA bekämpften südamerikanischen, vor allem kolumbianischen Kartelle eher nicht mit weißen Niederländern zusammenarbeiten wollten, stiegen Schwarze – wie der später ermordete Gwenette Martha – zu Bossen und Stars auf. Zum “gefundenen Fressen für die extreme Rechte”, etwa den Populisten Geert Wilders, wurde der Begriff “Mocro-Mafia” – auch wenn er dem Journalisten Paul Vuugts zufolge gar nicht zutrifft. Die Banden organisierten sich eher “entlang der Wertschöpfung” und stellten Kompetenz über Herkunft.

Einerseits beschleunigen Smartphones global strukturierte Drogenkriminalität, andererseits verschafft das Entschlüsseln verschlüsselter Kommunikation den Behörden vorübergehend Vorteile. Schon wegen der kontinuierlich zunehmenden Brutalisierung, die sich in den Niederlanden früher zeigte, inzwischen jedoch auch in Nachbarländern angekommen ist, versprüht die Doku aber keinen Optimismus. Der Politik mangele es an Bewusstsein dafür, wie negativ die internationale Organisierte Kriminalität die Innere Sicherheit beeinflusse, beklagt ein belgischer Staatsanwalt – auch weil der Drogenhandel weiterhin im Schatten des internationalen Handels abläuft, der nach wie vor als Maßstab für Wachstum und Wohlstand gilt.

So zeichnet der fast zweistündige Zweiteiler unaufgeregt ein spannendes und beunruhigendes Bild langlaufender, sozusagen nachhaltiger Entwicklungen. Visuell kennzeichnen ihn dabei schöne Bilder von großen Schiffen auf blauem Meer und imposante Luftaufnahmen der über hundert Kilometer ausgedehnten Kaianlagen des Rotterdamer Hafens.

Vor allem beeindruckt die Dokumentation durch die aufgezeigten Verbindungslinien zwischen der frühen Neuzeit und der Gegenwart. Nicht nur in Deutschland dürften sie bisher kaum bewusst sein. Was außerdem unterstreicht, dass sich auch bei Dokumentationen Blicke über den nationalen Tellerrand und den der ansonsten den Weltmarkt dominierenden angloamerikanischen Produktionen hinaus lohnen.