Emil starb mit 16 Jahren durch Suizid. Seine Geschichte stehe stellvertretend für viele Kinder, sagt seine Mutter Alix Puhl. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie eine Organisation gegründet, um anderen Familien zu helfen.
Ein Abschiedsbrief lag auf dem Tisch. Der 16-jährige Sohn war weg. Hunderte halfen bei der Suchaktion in Frankfurt. Einige Tage später stellte sich heraus: Er war tot. Er hatte sein Leben selbst beendet. “Das wäre das Ende der Geschichte gewesen, wäre er zu Hause gefunden worden”, sagt Mutter Alix Puhl, Gründerin der Organisation tomoni mental health. Das geschah 2020.
Rückblick: Mit zwölf Jahren wollte Emil Japanisch lernen. Innerhalb kurzer Zeit erreichte er ein Sprachniveau, mit dem er in Japan hätte studieren können. Die Lehrkräfte in der Schule fanden keine Antworten mehr auf seine Fragen. Mit seinen Klassenkameraden konnte er wenig anfangen.
Emil war einer dieser Überflieger-Schüler, die kaum Anschluss in der Klasse fanden. Nur einmal, ganz am Ende, da fühlte er sich unter seinesgleichen, sagt seine Mutter: in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung. Die anderen Kinder dort waren auch alle “irgendwie anders”; Emil fand Freunde. Aber dann wurden die anderen 18 und verließen die Jugendpsychiatrie, manche waren mit der Therapie durch. Emil gab an, er sei nicht mehr suizidal – und durfte gehen. Einige Zeit später war er tot. “Im Rückblick stand bei ihm auf der Stirn geschrieben: Autismus”, sagt Alix Puhl. “Aber eben nur im Rückblick.”
Nachdem sie von seinem Tod erfuhren, hatten die Eltern, wie sie heute sagen, das Gefühl, sie schuldeten den hunderten helfenden Händen eine Antwort. Über einen Verteiler gaben sie Bescheid. Keine zwei Stunden später erzählten Menschen aus dem engsten Freundeskreis von Verwandten, die Suizid begangen hatten. Sie hörten immer mehr Geschichten von eigenen Erfahrungen mit Depressionen, Angststörungen, existenziellen Krisen. Jeder kenne mindestens einen Betroffenen einer psychischen Erkrankung, sagt Puhl – was Fachleute bestätigen. “Schlimmer geht immer, weniger schlimm geht auch.”
Außerdem lernte das Paar: Rund die Hälfte aller psychischen Krankheiten entstehen bis zum 15. Lebensjahr. Bis zum 19. Lebensjahr steigt dieser Anteil auf knapp drei Viertel. Diese Erkrankungen bleiben oft unerkannt und haben dadurch langfristige Folgen für Betroffene. Das belegen zwei Studien aus den Jahren 2003 und 2015.
Ihr altes Leben war mit Emils Suizid nun Vergangenheit. Also beschlossen Puhl und ihr Mann, neu anzufangen – und eine Organisation zu gründen, die sich für mentale Gesundheit unter Jugendlichen stark macht: tomoni mental health. Mitmachen können Lehrkräfte, Eltern und Menschen aus Sportvereinen. Es geht um Fragen wie: Woran erkenne ich, dass jemand ein psychisches Problem hat – von Angststörung über Depression bis zur Essstörung? Wie kann ich die Person unterstützen und an professionelle Adressen weiterleiten?
Die Kurse finden als Webinare für Erwachsene statt. Eines heißt etwa “Pubertät und mehr”. Eltern können an den Kursen teilnehmen, ohne Stigmatisierung fürchten zu müssen. Ein Kurs umfasst mehrere anderthalbstündige Sitzungen. Die Lehrenden stammen etwa zur Hälfte aus der Wissenschaft; die anderen sind Betroffene, die von ihren Erfahrungen berichten. Denn letztlich geht es den Gründern um zwei Dinge: zu verstehen, wie sich eine psychisch erkrankte Person in der Außenwahrnehmung verändert. Und zumindest ein angedeutetes Gefühl dafür zu bekommen, wie sich das für Betroffene von innen anfühlt.
Auf dem Programm stehen getrennte Kurse für Lehrkräfte, Eltern und Sportvereine, um sie auf die jeweiligen Bedürfnisse anzupassen. Alles digital. Das ermögliche nicht nur, Menschen aus verschiedenen Städten zu erreichen, sagt Puhl. Wenn man eine Gruppe zusammenbringe, die sich danach wohl nicht erneut begegne, öffneten sich viele leichter. Das Projekt wird aktuell über die Tresor Foundation und die Dieter Schwarz Stiftung finanziert.
Bei tomoni mental health gehe es nicht um Emil, betont Puhl. Aber: “Er steht stellvertretend für so viele Kinder.” Viele, die im besten Fall so schnell Unterstützung bekommen, dass sie keine lange Therapie bräuchten, sagt sie: Mitunter könnten gemeinsame Spaziergänge und ein offenes Ohr noch reichen.