Zusammen stehen

Andacht
Zusammen stehen

Predigttext
28 Einer der Schriftgelehrten hatte diesem Streitgespräch zugehört und gesehen, wie gut Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte. Nun trat er näher und fragte ihn: „Welches ist das wichtigste von allen Geboten?“ 29 Jesus antwortete: „Das wichtigste Gebot ist: ,Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr. 30 Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft!‘ 31 An zweiter Stelle steht das Gebot: ,Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!‘ Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden.“ 32 „Sehr gut, Meister!“, meinte darauf der Schriftgelehrte. „Es ist wirklich so, wie du sagst: Gott allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm. 33 Und ihn zu lieben von ganzem Herzen, mit ganzem Verstand und mit aller Kraft und seine Mitmenschen zu lieben wie sich selbst ist viel mehr wert als alle Brandopfer und alle übrigen Opfer.“ 34 Jesus sah, mit welcher Einsicht der Mann geantwortet hatte, und sagte zu ihm: „Du bist nicht weit vom Reich Gottes entfernt.“ Von da an wagte niemand mehr, Jesus eine Frage zu stellen.
(Neue Genfer Übersetzung)

Was wäre das für ein Religionsunterricht in der Schule, wenn sich niemand mehr trauen würde, Fragen zu stellen? Hier aber ist alles gesagt! „Was ist der Kern des Glaubens?“, wird Jesus gefragt. Und der antwortet mit einem Zitat aus der Thora, der hebräischen Bibel, dem christlichen Alten Testament, aufgeschrieben im 5. Buch Mose (6,4). „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft!“

Es ist dieser eine Satz, der im Judentum Bekenntnis und Gebet zugleich ist: „Sch’ma Jisrael“, „Höre Israel!“. Es wird auch heute noch in jedem Gottesdienst gesprochen, gehört am Morgen und am Abend zum täglichen Gebet und es sind die Worte, die ein frommer Jude auf dem Sterbebett spricht. Dieses Gebet hat im Judentum etwa den Stellenwert, den im Christentum das Vaterunser hat.

Das Bild, das Markus in diesem „Fachgespräch“ zwischen Jesus und einem Schriftgelehrten zeichnet, sprengt ein weit verbreitetes Klischee und Vorurteil: Jesus, so zeigt es Markus überdeutlich, gehört mitten hinein in den Glauben des Volkes Israel. Jesus ist durch und durch geprägt durch den jüdischen Glauben. Er bestätigt den Zuspruch und den Anspruch der Thora. Da gibt es im Kern des Glaubens keine Differenz: „Lehrer“, antwortet der Schriftgelehrte, „es ist wirklich so, wie du sagst.“ Viel zu oft wurde das in der Geschichte der Kirche vergessen, verdrängt, uminterpretiert – mit verheerenden Konsequenzen.

Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist traditionell „Israelsonntag“. Uns wird im Gottesdienst besonders vor Augen geführt, wie unauflöslich wir Christen mit dem jüdischen Glauben und der jüdischen Gemeinschaft verbunden sind. Verbunden vor allem auch mit denen, die sich Sorgen darum machen, ob jüdisches Leben in Deutschland eine Zukunft hat, und mit denen, die sich dafür einsetzen, dass die jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn geschätzt und respektiert werden.

Der Glaube „Gott einzig und allein ist Gott“ hat Konsequenzen und führt in eine Praxis des Glaubens. Denn Glauben hat für Jesus etwas mit Handeln zu tun. „Praxis“ ist das griechische Wort für „Tat“. Wie zwei Seiten einer Medaille verbindet Jesus das „Höre Israel!“ mit einem anderen Gebot der jüdischen Tradition: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (3. Mose 19,18). Der jüdische Religionsphilosoph und Übersetzer Martin Buber hat dieses Gebot so übersetzt: „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du.“

Im anderen Menschen nicht sein Anders-Sein, sondern seinen Mit-Menschen sehen, darauf kommt es an. Auch darin sind Christen und Juden verbunden. Ich bin so und du bist anders – und gemeinsam sind wir Mensch. Das ist eine Haltung, die wir in einer globalisierten Welt mit immer mehr gespaltenen Gesellschaften uns neu sagen lassen müssen. Denn das Gebot der Mitmenschlichkeit steht gegen die Haltung Kains, der nach dem Brudermord scheinheilig fragte: „Soll ich etwa meines Bruders Hüter sein?“

Ja, das ist die klare Antwort der Thora und von Jesus bestätigt: Mitmenschlichkeit ist von dir gefordert. Meines Bruders Hüter, Hüterin meiner Schwester sein – das ist die Aufgabe, die uns heute gestellt ist. Uns allen in diesem Land. Zusammenstehen gegen Unrecht und Gewalt, Rassismus und Antisemitismus, einstehen für Gerechtigkeit, Recht, Rechtsstaat und Frieden. Für Geschwisterlichkeit und Solidarität. Den Zusammenhalt suchen. Und den gibt es nur in der Nächstenliebe.

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