Nicht nur mit dem “Bösen” – Hannah Arendt befasste sich auch mit der Liebe. Ihre Überzeugung, dass Menschen einander in ihrer Einzigartigkeit anerkennen müssten, klingt heute wie ein Plädoyer.
Einstige “säkulare Heilige” wie Hannah Arendt sollten wieder mehr Aufmerksamkeit erfahren: Dazu rät der Schriftsteller Daniel Schreiber. “Es ist so unverständlich, dass ihre politischen Ideen von Liebe in Vergessenheit geraten sind”, sagte Schreiber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). “Viele der derzeitigen politischen Entwicklungen wurden in ihren Büchern bereits vorausgesagt.”
Ähnliches gelte für Albert Schweitzer oder Erich Fromm. “Sie alle weisen immer wieder auf etwas hin, das heute fehlt: nämlich eine Politik des Gemeinsinns und, der Versöhnung, die Menschen nicht als politische Gegnerinnen und Gegner, nicht als Feinde, sondern als Menschen betrachtet.” Diese Texte zu lesen und zu diskutieren, könnte heute viel bewegen. Schreibers Essay “Liebe! Ein Aufruf” ist soeben erschienen.
Zu dieser Auseinandersetzung gehöre auch, Denkerinnen und Denker als fehlerhafte Menschen zu akzeptieren, die immer auch ein Produkt ihrer Zeit gewesen seien. “Albert Schweitzer zum Beispiel war aus heutiger Perspektive keineswegs eine unproblematische Figur. Obwohl er kolonialistischen Verbrechen sühnen wollte, wirken manche seiner Aussagen aus heutiger Sicht auch kolonialistisch und manchmal sogar rassistisch”, sagte Schreiber. Viele seiner Ideen seien dennoch bahnbrechend. Diese Werke dürften nicht auf eingängige Kalendersprüche reduziert und damit verwässert werden.
“Es ist faszinierend, dass man von manchen Intellektuellen, Theoretikerinnen oder einem Bürgerrechtler wie Martin Luther King eine Art Heiligentum erwartet”, sagte der Autor. “Von denjenigen, die prägend für die Renaissance des Rechtsextremismus sind, Carl Schmitt etwa, erwartet man gar nichts.”
Kulturhistorisch sei es ein recht junges Phänomen, Liebe nicht nur im romantischen Sinn aufzufassen. Seit jeher sei sie immer auch etwas Gemeinschaftlich-Politisches gewesen, erklärte Schreiber. Hannah Arendt verstand Politik als Handlungsraum für freie Menschen; das Politische begann für sie mit der Zuwendung zum Anderen – und Liebe galt ihr in diesem Zusammenhang als Möglichkeit, die Welt zu gestalten, ohne sie beherrschen zu wollen.
Geboren 1906 in Hannover, flüchtete die jüdische Theoretikerin 1933 vor dem Nationalsozialismus und erhielt 1951 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Am 4. Dezember jährt sich ihr Todestag zum 50. Mal.