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Zum 150. Geburtstag von Rilke – Wortakrobat auf Sinnsuche

Rainer Maria Rilke war nie nur ein Schöngeist. Seine Verse erzählen von Zerrissenheit und dem Ringen mit sich selbst und der Welt. In der heutigen, neuerlich unsicheren Zeit, treffen sie einen Nerv.

Wer käme bei dieser Aussicht nicht ins Schwelgen, gewissermaßen ins Elegische? Über zwei Kilometer führt der “Sentiero Rilke” am Golf von Triest unter Pinien entlang, mit fast ununterbrochenem Meerblick. Der Dichter, nach dem der steinige Wanderweg benannt ist, ließ sich dort jedenfalls inspirieren. Im Schloss Duino, das heutige Wandergruppen als Startpunkt oder Zwischenstopp wählen, verfasste Rainer Maria Rilke seine “Duineser Elegien”.

Sie klingen allerdings selten nach Ausflugsidyll, eher melancholisch und düster. “Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?”, so beginnt die Sammlung der zehn lyrischen Werke, die sich weder sprachlich noch inhaltlich auf den ersten Blick erschließen. Und doch zählt Rilke, vor 150 Jahren am 4. Dezember 1875 in Prag geboren, bis heute zu den großen Poeten deutscher Sprache, gilt als meistgelesener deutscher Dichter weltweit.

Die “Elegien” sind ein Spätwerk; sie erschienen 1923, drei Jahre vor Rilkes Tod. Als Ausdruck von Sinnsuche in einer Welt, in der christlich-humanistische Überzeugungen an Strahlkraft verlieren, sind sie bis heute aktuell. Auch seine vielleicht bekannteste Figur ringt mit dem Dasein: “Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge” (1910) erzählen von einem jungen dänischen Maler, der die überwältigenden Eindrücke einer Metropole ebenso zu verarbeiten sucht wie seine eigene Kindheit.

Der Schauplatz konnte kein anderer sein: Paris, wo Leben und Kunst um die Jahrhundertwende pulsierten. Rilke lebte dort – mit Unterbrechungen – seit 1902, nachdem er das bürgerliche Leben aufgegeben hatte. Im dortigen Jardin des Plantes verfasste er sein heute wohl bekanntestes Gedicht, “Der Panther”. Lange als Symbol für menschliche Gefangenschaft interpretiert, sieht die Forschung darin heute ebenso einen allgemeingültigen Appell für die Freiheit – eben auch die von Tieren.

Außer Frage steht, dass das Gedicht die Lage eines Wesens beschreibt, das selbst nicht sprechen kann. Dabei orientierte Rilke sich am französischen Bildhauer Auguste Rodin, dessen Privatsekretär er später werden sollte. Bis zum Bruch beflügelten beide Künstler einander – auch, weil sie beide nach Schönheit in dem suchten, was landläufig eher als hässlich gilt, weil sie Vollendung mitunter gerade im Unvollendeten erkannten.

Während der Dichter sonst häufig rauschhaft schrieb, arbeitete er an seinem einzigen Roman – dem “Malte” – über Jahre. Er verwebt eigene Erlebnisse und Sinneseindrücke mit universellen Erfahrungen von Einsamkeit, Zweifeln an sich selbst und an anderen. So geht es immer wieder um maskenhafte Mimik, um Gesichter, die Menschen wie Masken wechseln – oder um Masken, die sie selbst im Tod nicht ablegen können. Wählt man diese Maske selbst? Wie lange kann man eine Maske tragen, bis sie womöglich gar nichts “Echtes” mehr verbirgt? Fragen wie diese beschäftigen Kunst, Philosophie und Psychologie weiterhin – auch fast 100 Jahre, nachdem Rilke 1926 in der Schweiz starb.

Mit frühen Gedichten Rilkes könnten sich viele Menschen identifizieren, erklärt Lyrik-Experte Holger Pils im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): etwa aus dem “Stundenbuch”, das auch die religiös-spirituelle Suche behandelt. Er rate zum Griff nach einem Sammelband – darin könne jede und jeder den “eigenen” Rilke entdecken.

Die existenziellen Frage, die Rilke umgetrieben hätten, seien noch immer anschlussfähig, erklärt der Leiter des Münchner Lyrikkabinetts. Damals wie heute habe man sich in einer Umbruchzeit befunden. Der Dichter habe stets versucht, die Gegensätze dieser Welt – und die in sich selbst – in Sprache zu fassen.

Als Voraussetzung für das Schreiben habe Rilke nach Klarheit über sich selbst gesucht und den Anspruch gehabt, äußere Erwartungen zu überwinden. Ausformuliert hat er dies in den “Briefen an einen jungen Dichter” – eine Lektüre, die Pils nicht nur Menschen empfiehlt, die selbst schreiben: “Das Buch ist auch geeignet für alle, die Rilke besser verstehen möchten.”