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Zukunftsforscher Opaschowski: Das Schlaraffenland ist abgebrannt

Schulden, Krisen, Rentenlasten: Der Druck auf die junge Generation wächst. Zukunftsforscher Opaschowski ruft sie deshalb zum Widerstand auf – und warnt vor einer Politik auf Pump.

Mit fast 85 Jahren wendet sich der Zukunftsforscher Horst Opaschowski an die Jugend. In seinem neuen Buch “Nehmt eure Zukunft in die Hand!” fordert er die Generation seiner Enkel auf, sich stärker in gesellschaftliche Debatten einzumischen und Verantwortung zu übernehmen. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht er über seine Motivation und über Generationenkonflikte. Zudem verrät er, wo er mit seinen früheren Prognosen daneben lag.

Frage: Herr Opaschowski, Ihr neues Buch ist ein Appell an die Jugend. Was hat Sie dazu bewogen?

Antwort: Die junge Generation steht kurz davor, die Rechnung für eine jahrzehntelange Politik auf Pump zu übernehmen. Ich sage das seit der Jahrtausendwende: Die fetten Jahre sind vorbei, das Schlaraffenland ist abgebrannt. Damals war es eine These, heute ist es bittere Realität.

Frage: Woran machen Sie das fest?

Antwort: Kurz nach der Regierungsbildung von Friedrich Merz habe ich eine repräsentative Umfrage machen lassen. Das Ergebnis hat mich umgehauen: 89 Prozent der jungen Generation stimmen der Aussage zu: Die junge Generation muss sich wehren; sonst erbt sie die Schulden von heute als Steuern von morgen. Zugleich glauben viele Deutsche, dass es für die nächste Generation immer schwieriger wird, so abgesichert und wohlhabend zu leben wie ihre Eltern. Das zeigt: Es ist höchste Zeit zu handeln.

Frage: Und deshalb haben Sie das Buch geschrieben?

Antwort: Genau. Ursprünglich wollte ich es sogar “Enkel, wehrt euch!” nennen. Aber mein Sohn sagte: “Es geht nicht nur um Geld, es geht auch um soziale Folgen.” Und meine Tochter meinte: “Du bist doch Mister Positiv – warum malst du ein Horror-Szenario? Fordere sie zum Handeln heraus, statt sie zu erschrecken.” Da habe ich gemerkt: Ich muss die nächste Generation auch in die Pflicht nehmen. Sie darf nicht nur darauf warten, dass der Staat alles regelt.

Frage: Sie fordern die jungen Menschen dennoch auf, sich zu wehren. Wogegen genau?

Antwort: Gegen das Verfrühstücken ihrer Zukunft. Die Renten sind aktuell nur bis 2031 gesichert, über die Rückzahlung der gewaltigen Staatsverschuldung verliert kaum jemand ein Wort. Dabei geht es mir nicht um blinden Protest, sondern darum, dass die Jungen selbstbewusst ihre Rechte einfordern. Viele tun das bereits: etwa bei Fridays for Future oder innerhalb der Parteijugend von CDU und SPD, wo junge Menschen spürbar ungeduldiger werden.

Frage: Sie zeichnen ein sehr positives Bild der Jugend: optimistisch, gemeinschaftsorientiert, krisenerfahren. Gleichzeitig hört man ständig, die Jungen seien faul, verwöhnt, hingen nur am Handy. Wie passt das zusammen?

Antwort: Faul und verwöhnt? Das sagte man schon in der Antike über die Jugend. Es ist seit Platon, Sokrates und Aristoteles ein ewiges Lied. Meine Daten zeigen etwas ganz anderes: Seit Jahrzehnten sagt die überwiegende Mehrheit der jungen Menschen: “Trotz aller Krisen will ich das Beste aus meinem Leben machen.” Das hat sich 2025 nicht geändert – im Gegenteil. Ich nenne sie auch “Generation Sandsack”: Bei jeder Flutkatastrophe waren sie als Erste mit Spaten und Sandsäcken da. Seit Corona ist Hilfsbereitschaft für sie kein nettes Extra mehr, sondern Selbstverständlichkeit. Sie sind nicht faul – sie wollen nur wissen: Leistung wofür? Diese Frage durfte man früher kaum stellen. Heute ist sie berechtigt, und Politik und Gesellschaft müssen sie beantworten.

Frage: Sie kritisieren eine Politik, die Zukunft nur noch verwaltet. Brauchen wir wieder charismatische Führungsfiguren wie Konrad Adenauer oder Helmut Schmidt?

Antwort: Diese Figuren können wir nicht herbeizaubern. Wichtiger ist ein überparteiliches, langfristiges Zukunftsdenken. In Legislaturperioden zu denken genügt nicht mehr. Ich plädiere seit Jahren für einen Zukunftsrat, der politischen Entscheidungen eine zusätzliche Perspektive gibt. Zudem muss die Politik bei gesellschaftlichen Problemen verstärkt auch die Bürger mit ins Boot holen – und zwar nicht nur in Notzeiten. Die jungen Leute werden sich nicht mehr so schnell vom Steuer verdrängen lassen.

Frage: Sie werben auch für eine “digitale Diät”. Wie soll das gehen in einer Welt, in der Jugendliche ohne Smartphone kaum noch sozial existieren?

Antwort: Ganz einfach: Loslassen! Die Sozialen Medien sind darauf ausgelegt, Zeit zu stehlen. Ich rate jungen Menschen, ihre eigene Lebenszeit zu verteidigen. Seid kritisch, definiert euch nicht über Likes oder Follower, sondern über echte Freundschaften. Und ja – schaltet das Handy auch mal für ein paar Stunden aus. Das gilt übrigens auch für Erwachsene.

Frage: Sie werden am 3. Januar 85 Jahre alt und betreiben seit mehr als 50 Jahren Zukunftsforschung. Wie oft lagen Sie mit Ihren Prognosen richtig?

Antwort: (lacht) Die meisten wollen eigentlich nur wissen, wo ich falsch lag. Aber ich lag erstaunlich oft richtig. Nehmen Sie beispielsweise mein Buch “Deutschland 2020” aus dem Jahr 2004 – Corona wird nicht beim Namen genannt, aber ich beschreibe detailliert die Verseuchung der Erde durch Bazillen und globale Pandemie-Gefahren. Und die Umweltkatastrophe hatte ich bereits in den 1980ern als jahrzehntelanges Thema vorhergesagt.

Frage: Und wo lagen Sie daneben?

Antwort: In meiner Anfangszeit dachte ich – wie die Soziologen Ralf Dahrendorf und Hannah Ahrendt auch – dass der Gesellschaft die Arbeit ausgeht. Die Gewerkschaften sprachen damals von einer 35-Stunden-Woche. Ganz anders ist es gekommen. Und in den 1990er-Jahren habe ich vorausgesagt, dass wir spätestens 2005 fünf Millionen Arbeitslose haben, und soziale Unruhen entstehen werden. Die fünf Millionen Arbeitslosen traten ein, aber nichts passierte – stattdessen berichteten die Medien über einen Schiedsrichterskandal.

Frage: Gibt es etwas, dass Sie in all den Jahren überrascht hat?

Antwort: Mir fällt immer wieder auf, dass die Stimmung im Land relativ gedrückt, verunsichert, ja fast pessimistisch ist – was so auch medial verbreitet wird. Aber wenn man die Menschen nach ihrem eigenen Leben fragt, zeigen sie sich erstaunlich positiv und zuversichtlich – nach dem Lebensmotto: Ich kümmere mich um mich selbst und mein Umfeld und mache das Beste daraus. Viele ziehen sich gewissermaßen in ihren eigenen Kokon zurück, halten die große Politik auf Abstand – und gestalten ihr Leben selbst.

Frage: Und würden Sie diese Entwicklung positiv oder negativ bewerten?

Antwort: Ich sehe darin einen Hoffnungsschimmer: Die Menschen sind bereit, aktiv zu werden und sich zu wehren – wenn man sie nur lässt.

Frage: Wie blicken Sie aktuell auf die Zukunft – Ihre eigene und die der Gesellschaft?

Antwort: Als Zukunftsforscher geht es mir doch nicht darum, die Zukunft vorherzusagen, sondern auf sie gut vorbereitet zu sein. Wir müssen daher mögliche Szenarien durchdenken und Strategien entwickeln, wie wir darauf reagieren. Ich selbst blicke optimistisch nach vorn; als Zukunftsforscher geht das gar nicht anders. Und ich kann zwar nicht mehr so schnell laufen wie früher, aber ich kann schneller Bücher schreiben. Es ist kein Zufall, dass ich in diesem Jahr schon mein zweites Buch veröffentliche. Ich sehe es als meine Pflicht, meine Erfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben.