Wurzel alles Übels?

Geld und Moral

Mit Geld spielt man nicht. Und: Über Geld spricht man nicht. Das waren lange Zeit Grundregeln in bürgerlichen Kreisen. Das hieß: Wenn man etwas sparen konnte, ging man nicht zu irgendwelchen mehr oder weniger dubiosen Anlageberatern, die einem (unrealistische) Traumzinsen versprachen, sondern zur Volksbank oder zur Sparkasse, um das Geld für einen nicht grandiosen, aber doch seriösen Zinssatz anzulegen.

Zocken mit Geld – das war tabu. Und wenn man Schulden machte (machen musste), dann nur für die wesentlichen Dinge des Lebens – Wohneigentum zum Beispiel. All dies tat man, ohne es an die große Glocke zu hängen.
Das änderte sich gegen Ende des letzten Jahrhunderts: Plötzlich kamen Partygespräche über die besten Anlagen auf und Kollegen fingen an, sich Tipps zu geben, wo die höchste Rendite zu holen sei. Kurz: Die Gier, durch die sich bis dahin nur ein kleiner Teil der Bevölkerung auszeichnete, erfasste auch die „normalen“ Leute. Wohin das führte, ist spätestens seit der aktuell so oft diskutierten Pleite der US-amerikanischen Lehman Bank vor zehn Jahren bekannt.

Schon Paulus wusste um die zerstörerische Kraft des Geldes.  An Timotheus schrieb er, dass Geldgier eine „Wurzel alles Übels“ sei. Und Ekkehard Thiesler, dem Vorstandschef der Bank für Kirche und Diakonie, hat sich der Satz eines älteren Kollegen ins Gedächtnis eingeschrieben: Gier frisst Hirn (siehe Interview Seite 5). Beide Sinnsprüche sind leider nicht überholt. Beim Geld hört nicht nur die Freundschaft, sondern oft auch die Moral auf.

Aber woher kommt es, dass wir uns an so vielen Stellen des Lebens anständig und verantwortungsbewusst verhalten, aber beim Geld zwar nicht gerade Maß und Ziel verlieren, aber doch unsere Ideale hintanstellen? Nicht fragen, wem die Bank mit unserem Ersparten Kredite gibt, sondern nur schauen, ob der Zinssatz stimmt? Ist Gier, ist das Immer-noch-mehr-haben-Wollen eine Grundkonstante des Menschen?
Vielleicht: Schließlich muss man eingestehen, dass Gewinnstreben zu Fortschritt und Wohlstand in einer Gesellschaft beitragen können. Ich will Geld verdienen, darum „unternehme“ ich etwas, im wahrsten Sinne des Wortes. Und wenn es gut läuft, profitieren auch andere davon.

Damit aus maßvollem Gewinnstreben keine hemmungslose Gier wird, braucht es gesetzliche Regelungen. Und es braucht: mehr Selbstkritik und mehr Verantwortung. Kurz: eine Rückkehr zu den alten bürgerlichen Tugenden, die im Umgang mit Geld lange Zeit galten. Und zwar nicht nur bei Großanlegern, sondern bei (fast) jedem von uns.

Wir haben die Wahl, wem wir unser Geld geben – der gewinnorientierten Privatbank, die in Waffengeschäfte investiert, oder einer Genossenschaftsbank, die Frauen in Afrika mit Krediten versorgt, damit sich diese eine eigene Existenz aufbauen können. Denn es stimmt ja: Pecunia non olet. Geld stinkt nicht. Das heißt: Geldgeschäfte sind nicht per se schlecht. Es kommt nur darauf an, wie wir sie gestalten.

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