Das Kirchenparlament der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, die Synode, ist anders als in anderen Landeskirchen – polarisierter und streitlustiger. An der Spitze stand in den vergangenen sechs Jahren als Präsidentin die Juristin Sabine Foth. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagt sie, worauf sie stolz ist, was nicht gelungen ist und warum aus ihrer Sicht eine Fusion mit der badischen Landeskirche schneller vorangetrieben werden sollte.
epd: Frau Foth, wenn Sie auf sechs Jahre im Kirchenparlament zurückblicken: Auf welche Ergebnisse sind Sie stolz?
Foth: Ich bin glücklich, dass wir es trotz der schwierigen Anfangsphase mit Corona geschafft haben, wirklich gemeinsam unterwegs zu sein. Das hat deutlich besser funktioniert als in der vorausgegangenen Synode. Die Atmosphäre war deutlich harmonischer.
epd: Kommt bei allzuviel Harmonie nicht die Debatte zu kurz?
Foth: Wir sind keine Kuschelsynode, im Gegenteil. Ich kann zu einem Mitchristen sagen: Deine Haltung kann ich nicht nachvollziehen, ich finde sie komplett falsch. Doch wir konnten auch heftige Entscheidungen im Miteinander treffen, ohne uns komplett zu zerstreiten. Es ist wichtig, dass man Dissens offen anspricht und stehen lässt, statt ihn unter den Tisch zu kehren. Wo wir keine Lösungen gefunden haben, ging es trotzdem gut, anschließend einen Kaffee miteinander zu trinken.
epd: Und was waren die konkreten Erfolge?
Foth: Als sehr positiv empfinde ich das Klimaschutzgesetz, das wir aus der Mitte der Synode gemeinsam beschlossen haben. Ein anderes Beispiel, das nicht positiv leuchtet, aber ein Erfolg der Gemeinschaft war, ist der große Einsparbeschluss. Meine Befürchtung war, dass wir uns bei diesem Thema zerstreiten und ein knallharter Lobbyismus losgeht. Das war überhaupt nicht der Fall. Die Haltung war von Anfang an: Es ist nicht schön, aber wir müssen das jetzt hinkriegen. Und die Ergebnisse tragen wir nun gemeinsam.
epd: Vom Positiven zum Kritischen: Was ist weniger oder gar nicht gelungen?
Foth: Ganz klar: die Trauung für gleichgeschlechtliche Paare. Das ist uns nicht gelungen. Ich persönlich finde das sehr schade, weil es ein Gesetzentwurf war, bei dem wir sehr genau hingehört haben, wo die kritischen Punkte sind. Wir hatten ja statt einer „Opt-out“-Lösung, bei der Gemeinden aktiv widersprechen müssten, ein „Opt-in“-Verfahren mit einer langen Präambel vorgeschlagen, das beide Haltungen nebeneinanderstellt. Das hat leider keine Zweidrittelmehrheit gefunden, obwohl eine Mehrheit der Synode dafür gewesen ist.
epd: Die Kirche befindet sich im größten Umbruch seit dem Zweiten Weltkrieg. Macht es da überhaupt noch Lust, sich zu engagieren, oder ist das nur noch Mangelverwaltung?
Foth: Verlust ist immer bitter, aber man kann doch trotzdem etwas mit Freude und hoffnungsfroh bewegen. Wenn wir in den Kanon einstimmen würden „Wir werden kleiner, wir werden weniger“, dann möchte doch niemand in so einem Verein sein. Man muss überlegen: Ja, wir sind weniger, aber wie wuppen wir das? Wir haben zum Beispiel gesprächskreisübergreifend das Strukturerprobungsgesetz auf den Weg gebracht, mit dem wir es Gemeinden ermöglichen, andere Wege zu gehen.
epd: Was genau verbirgt sich hinter diesem Gesetz?
Foth: Gemeinden können sich zum Beispiel überlegen, dass in der Gemeindeleitung nur Ehrenamtliche sitzen, natürlich mit einem geschäftsführenden Pfarrer. Wir haben bereits personale Gemeinden, die überregional Mitglieder versammeln und die neue Formen des Miteinanders erproben. Wir haben als Synode den rechtlichen Rahmen gesetzt, um solche Innovationen zu ermöglichen.
epd: Sie haben sich auch für eine Fusion mit der badischen Landeskirche ausgesprochen. Da höre ich von Einzelnen in den beiden Kirchen den Seufzer: Ist das wirklich nötig?
Foth: Wir fordern EKD-weit von allen Landeskirchen zu überlegen, wo Fusionen sinnvoll sind. Und wir sind hier im Südwesten ein Bundesland mit zwei evangelischen Kirchen. Die Zusammenarbeit mit Baden weiten wir seit Jahren aus, etwa bei den Beauftragten für Landtag und Landesregierung, im christlich-jüdischen Dialog oder bei der sehr erfolgreichen Fusion der Archive und Bibliotheken. Ich persönlich fände es gut, wenn man sich in der kommenden Legislaturperiode zügiger auf den Weg macht. Das heißt nicht, dass in sechs Jahren die Fusion vollzogen ist, aber das Thema sollte aktiv vorangetrieben werden.
epd: Die Kirche beklagt die gesellschaftliche Spaltung. Wo ist sie im Gespräch mit Menschen, die zum Beispiel mit der AfD sympathisieren?
Foth: Wenn jemand eine menschenfeindliche Haltung hat, ist für mich eine klare Grenze erreicht. Aber das heißt nicht, dass ich nicht mit jemandem spreche. Ich gehe in solche Gespräche mit meiner klaren, deutlichen Haltung. Als Kirche ist es entscheidend, Gesprächsräume zu schaffen. Dafür gibt es die Initiative „Verständigungsorte“. In Württemberg gibt es fast 20 solcher Orte mit Formaten zu polarisierenden Themen wie der Flüchtlingsdebatte. Dort saßen Menschen mit unterschiedlichsten Meinungen an einem Tisch. Man ist inhaltlich nicht zusammengekommen, aber man konnte sich auf ein „agree to disagree“ einigen und das Gespräch versachlichen. Genau das ist die Plattform, die Kirche bieten kann.
epd: Sie kandidieren bei der Synodalwahl am 1. Advent erneut. Würde Sie bei einem entsprechenden Wahlergebnis auch der Vorsitz der Synode wieder reizen?
Foth: Ich habe diesen Vorsitz mit ganz großer Freude wahrgenommen, und diese Freude hält an. Wenn man für etwas brennt, dann ist es keine Belastung, sondern lädt die eigene Energie wieder auf. Ob ich für den Vorsitz infrage komme, hängt davon ab, wie mich auch die anderen Gesprächskreise wahrgenommen haben. Aber persönlich schließe ich es nicht aus. (3009/23.11.2025)