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Woody Allen: Der Stadtneurotiker wird 90

Heute, in der Post-MeToo-Ära, ist er zur Figur der Vergangenheit geworden. Aber noch bis vor knapp einem Jahrzehnt galt für Generationen von Kinobesuchern der Satz: „Ich bin mit Woody-Allen-Filmen aufgewachsen.“ Es gab jedes Jahr einen neuen. Zuletzt waren die Filme des mehrfachen Oscarpreisträgers, der am 30. November 90 Jahre alt wird, allerdings nur noch selten die Kulturereignisse, als die sie in den 1970er und 1980er Jahren gefeiert wurden.

Und nach den Missbrauchsvorwürfen seiner Adoptivtochter Dylan ist die US-Film- und Kulturszene zunehmend auf Distanz zu Allen gegangen, teils gilt er als „persona non grata“. Dylan Farrow beschuldigt Allen, er habe sie 1992 im Alter von sieben Jahren missbraucht. Allen streitet das ab, ein Verfahren wurde nicht eingeleitet.

Seine Karriere als Regisseur begann 1969, als mit „Woody, der Unglücksrabe“ seine erste Regiearbeit ins Kino kam. Herrlicher Klamauk wie in „Bananas“ oder „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten“ wurden abgelöst von Meisterwerken wie „Der Stadtneurotiker“ (1977), „Manhattan“ (1979), „Zelig“ (1983) oder „Hannah und ihre Schwestern“ (1986).

Keiner konnte das Lebensgefühl der westlichen Gesellschaft jener Jahre so bündig in einem einzigen Satz auf den Punkt bringen wie Allen: „Ich hasse die Realität, aber sie ist immer noch der beste Ort, um ein gutes Steak zu bekommen.“ Woody Allen, das war der Prototyp des neurotischen New Yorker Intellektuellen mit Beziehungsproblemen.

Dazwischen gab es auch Flops mit den „ernsten“ Filmen „Innenleben“ und „Stardust Memories“. Seit der Jahrtausendwende präsentierte er viel Mäßiges, aber auch immer wieder Überraschungen. Filme wie „Match Point“, das oscarprämierte „Midnight in Paris“ – sein größter kommerzieller Erfolg – oder der Oscar als beste Darstellerin für Cate Blanchett in Allens „Blue Jasmine“ (2013) ließen die Kritiker ein ums andere Mal konstatieren, dass Allen wieder „in Form“ sei.

Am 1. Dezember 1935 als Allan Stewart Konigsberg in Brooklyn als Sohn jüdischer Eltern geboren, begann Allen seine Komikerkarriere als Wunderkind: Schon mit 15 Jahren belieferte er Zeitungen mit seinem „Jokes“. Um von seinen Klassenkameraden nicht erkannt zu werden, legte er sich das Pseudonym Woody Allen zu. Noch als Schüler nahm ihn eine Agentur unter Vertrag. Mit 17, so heißt es, verdiente er bereits mehr als seine beiden Eltern.

Das Schreiben ist ihm stets leicht gefallen. Was nicht bedeutet, dass er ein sorgloses, glückliches Kind gewesen wäre. „Was war das Schlimmste in Ihrer Jugend?“, fragte ihn einmal ein Talk-Master nur halb im Scherz. Allens Antwort: „Dass ich so jung war. Wenn ich älter gewesen wäre, hätte ich es besser hinbekommen.“

Anfang der 1960er Jahre entdeckten ihn die Agenten Jack Rollins und Charles Joffe – die später auch seine Filme produzierten – und schickten ihn als Stand-up-Comedian auf Club-Bühnen. Das Auftreten vor Publikum fiel Allen anfangs schwer, aber bald schon stellte sich der Erfolg ein. Fernsehauftritte ließen ihn in den 60ern zu einer bekannten Marke werden, lange bevor er Filme machte.

Die Umsetzung seines im Auftrag erstellten Drehbuchs für „What’s New, Pussycat?“ (1965) missfiel ihm so sehr, dass er für sich den Entschluss fasste, nur noch in absoluter Selbstbestimmung Filme zu machen. Sein System: Filme mit niedrigem Budget, die pünktlich abgeliefert wurden und bescheidene Einkünfte garantierten. Als Gegenleistung behielt sich Allen die volle Kontrolle vor – und machte sich Jahr für Jahr an die Arbeit.

Darstellerin in vielen seiner Filme war seine langjährige Partnerin Mia Farrow. Anfang der 1990er Jahre geriet er durch Streitigkeiten mit ihr in den Schlagzeilen. In jene Zeit fielen auch die ersten Missbrauchsvorwürfe. 1997 heiratete Allen Farrows Adoptivtochter, die 35 Jahre jüngere Soon-Yi Previn.

„Die zwei größten Mythen über mich sind, dass ich ein Intellektueller sei, weil ich Brillen trage, und dass ich ein Künstler sei, weil meine Filme kein Geld einspielen“, fasste Allen einmal die Sicht auf ihn als Filmemacher zusammen. Man kann die Selbstironie auch so interpretieren: Für Allen bedeutete das Filmemachen kein Streben nach Kunst oder kommerziellem Erfolg, es war ganz einfach eine Art, sein Leben zu verbringen.

Seine frühen Filme hielt der Regisseur für trivial, wie er einmal sagte. Erst mit „Der Stadtneurotiker“ habe er sich getraut, etwas ernsthafter zu werden und weniger Gags einzubauen. Umgehend stellte sich damit der Oscar-Erfolg ein: „Der Stadtneurotiker“ erhielt fünf Nominierungen und gewann davon vier. In gewisser Hinsicht ist es noch immer der „ultimative“ Allen-Film: eine melancholische Komödie, in der es auf sehr erwachsene Art um Liebe und Beziehungen und das Leben im Allgemeinen geht.

Es ist diese Sorte Film, die Hollywood heute kaum mehr macht, die Allen aber mit stets lebensnaher Widersprüchlichkeit nahezu endlos zu variieren wusste. Am Anfang des „Stadtneurotikers“ geht es, Allen-typisch eingebaut in einen Witz, gleich um das ganze Leben: „Es ist voller Misere, Einsamkeit, Leiden – und dann ist es viel zu schnell vorbei.“