Wo Gott kaum zu glauben ist

Andacht
Wo Gott kaum zu glauben ist

Predigttext
1 Solches redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen: Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche; 2 so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen, auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben. 3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. 4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. 5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. 6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. 7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. 8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

„Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast…“, betet Jesus. Seine Worte klingen zwischen den Zeiten, zwischen Himmel und Erde. Jesus bereitet seine Jüngerinnen und Jünger auf schwere Zeiten vor, auf Abschied und Trennung, auf Leiden und den Tod. Seine Worte eröffnen Zukunft – nur ist diese für die Hörenden noch kaum zu fassen.

Manchmal ist es schwer, auf die Weite des Himmels und die Liebe Gottes zu vertrauen. Zu unglaublich scheint die frohe Botschaft vom ewigen Leben, das nicht mehr und nicht weniger verheißt, als dass alles einmal wieder gut sein wird – in Ewigkeit. Zukunft, die in Jesus sichtbar, hörbar und spürbar wurde. In Augenblicken. An Einzelnen. In Momenten, die einen Blick in diese Zukunft tun lassen. In der gemeinsamen Zeit haben die Jünger gefühlt, wie das mit bloßem Auge nicht sichtbare Himmlische in dem aufscheint, was Jesus sagt und tut.

Ein Gebet wie eine Einladung

Jesu Abschiedsworte an die Jüngerinnen und Jünger sind gesagt. Er wendet sich nun seinem Vater zu. Jesus betet. Und anders, als wir das aus anderen Situationen kennen, tut er das nicht abseits. Das Gebet wirkt im Gegenteil wie eine Einladung in diese zutiefst persönliche Beziehung hinein. Es vollendet die Botschaft an die Jünger.
„Unsere Beziehung wird sich verändern“, hatte Jesus ihnen gesagt. „Ich werde weggehen, aber zu euch wird der Geist Gottes kommen. So bleiben wir in Beziehung.“ Im Gebet nun hören sie von der Tiefe der Beziehung Jesu zu seinem Vater, der auch ihr Vater ist, weil Gott selbst sie Jesus anvertraut hat.

Wie die Zurückbleibenden wohl gehört haben, wie eng sie zu Gott gehören? Staunend? Suchend nach dem Verständnis dessen, was sie hören? Oder waren ihre Ohren verschlossen, weil sie verunsichert und schweren Herzens sind?

„Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast.“ Wer den Namen kennt, kann den anderen persönlich ansprechen. Den Namen, den Gott Mose aus dem brennenden Dornbusch heraus offenbart hat, hat Jesus mit Leben gefüllt.

Mit seinem ganz irdischen, menschlichen Leben hat er gezeigt, was es heißt, wenn Gott zu Mose sagt: „Ich bin der: Ich bin da.“ In Jesus wird Gott sichtbar, hörbar und fühlbar.

Und der Höhepunkt steht noch aus. Wenn sich der „Ich bin da“ in der vermeintlichen Gottesferne des Todes offenbart, indem er das Kreuz auf sich nimmt und das Grab überwindet.

Jesus geht in den Himmel zurück, dorthin, wo er hergekommen ist, wo er hingehört. Die Seinen bleiben auf der Erde zurück. Und weil die Welt ist, wie sie ist, nimmt Jesus sie in sein Gebet mit hinein und macht ihnen mit dieser Geste und seinen Worten deutlich, dass auch sie in enger Beziehung zum Vater stehen – weil Gott das so will und weil Jesus sie darin hält.

Jesus Wirksamkeit in den Grenzen eines Menschenlebens geht zu Ende, aber seine weltweite Wirksamkeit steht noch aus. Noch immer sind Kreuze und Gräber Teil unserer Welt, Verletzlichkeit und Endlichkeit ihr eigentümlich. Doch weil eben Jesu Göttlichkeit so tief ins Menschsein gehüllt war, dass sie nur im Glauben gegen jeden Augenschein zu fassen ist, gerade darum können wir Gott auch in dieser Zeit finden.

Gerade dort ist Gott, wo er kaum zu glauben ist: am Bett des Covid-Kranken, im Luftschutzkeller, im Kreml, überall dort, wo Gott augenscheinlich abwesend ist.

Glaube bedeutet Vertrauen gegen allen Augenschein. Und so viel Anlass es auch geben mag, den Mut zu verlieren, auszubrechen oder aufzugeben: Jesus steht für uns und unser Bewahrtwerden zum ewigen Leben im Namen des Vaters ein.

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