Der „Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ (27. Januar) erinnert seit 2005 weltweit an die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung sowie an die Opfer anderer Minderheiten. Das Datum bezieht sich auf den 27. Januar 1945, als sowjetische Truppen das Vernichtungslager Auschwitz in Polen befreiten. Als Ursache der NS-Verbrechen ist stets der Antisemitismus mit im Blick. Professorin Ursula Rudnick warnt seit langem vor antisemitischen Stereotypen und Vorurteilen. Sie lehrt Judaistik am Institut für Evangelische Theologie der Leibniz-Universität Hannover. Zugleich ist die Theologin Beauftragte für Kirche und Judentum bei der evangelischen Landeskirche Hannovers.
Antisemitismus hat viele Gesichter in Geschichte und Gegenwart
Antisemitismus ist Judenfeindschaft. Dazu gehören Vorurteile, Hass, Diskriminierung und Gewalt gegen Juden als Einzelne oder als Gemeinschaft – und zwar nur, weil es Juden sind. „Judenfeindschaft besteht seit der Antike und ist ein wandelbares gesellschaftliches Phänomen, das aktuell einen besonderen Ausdruck in der Israel-Feindschaft findet“, sagt die Theologie-Professorin und Judaistin Ursula Rudnick. Der Begriff Antisemitismus wurde im 19. Jahrhundert geprägt, um politische Judenfeindschaft vom religiös geprägten Antijudaismus zu unterscheiden. Antisemitismus kann auch rassistisch oder sozial begründet sein.
Ja. „Antisemitismus ist gefährlich, weil er Menschen entmenschlicht, zu Diskriminierung, Gewalt und schließlich Vernichtung führen kann“, sagt Rudnick. Der Holocaust zeigt aus ihrer Sicht, wohin staatlich organisierter, radikalisierter Judenhass führen kann: zu millionenfachem Mord.
Forschung belegt Ausmaß des Antisemitismus im NS-Regime
Laut Rudnick bewegen sich alle seriösen Berechnungen stabil in dieser Größenordnung. Historiker stützen sich dabei auf unterschiedliche Quellen: NS-Dokumente, Transport- und Lagerlisten, Volkszählungsdaten vor und nach dem Krieg sowie umfangreiche Namens- und Ortsrecherchen von Gedenkstätten und Archiven. Allein in den großen Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Sobibor, Belzec und Chelmno wurden insgesamt rund 2,7 Millionen Juden ermordet. Die übrigen Opfer wurden durch Massenerschießungen, Ghettos, Zwangsarbeit, Hunger und Krankheit getötet. In der Forschung gilt der Holocaust als eines der am besten dokumentierten Verbrechen der Geschichte.

Eine der Wurzeln des Antisemitismus ist der über Jahrhunderte bestehende christliche Antijudaismus, sagt Ursula Rudnick. Das Christentum erwuchs vor rund 2.000 Jahren aus der Tradition des Judentums heraus und formulierte seine Identität von Beginn an in Abgrenzung zum Judentum. Dies ging einher mit Herabsetzung und Diffamierung.
Nach der Vertreibung der meisten Juden aus dem Heiligen Land durch die Römer bildeten Juden im christlichen Abendland eine Minderheit. Sie wurden historisch als „die anderen“ markiert, ausgegrenzt und zu Sündenböcken für Krisen gemacht – etwa für wirtschaftliche Probleme, Seuchen oder militärische Niederlagen. Dabei wurden Ängste, Frustrationen und ungelöste Konflikte auf die jüdische Bevölkerung projiziert, die dann symbolisch für alles Negative verantwortlich gemacht wurde.
Wie wirtschaftliche Zwänge antisemitische Bilder prägten
Antisemitische Vorstellungen haben reale Wurzeln in historischen Konflikten, religiösen Deutungen, wirtschaftlichen Spannungen und Machtverhältnissen. So entstanden Vorstellungen vom „geldgierigen Juden“ im Mittelalter, als Jüdinnen und Juden in vielen Ländern von anderen Berufen ausgeschlossen waren und deshalb im Geldverleih arbeiteten. Aus dieser Zwangslage wurde ein negatives Stereotyp, das bis heute wirkt. Rudnick betont: „Antisemitische Vorstellungen sagen nichts über jüdische Menschen aus, aber viel über die Ängste und Projektionen derer, die sie benutzen.“
Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus zählte 2024 gut 8.600 antisemitische Vorfälle. Dazu gehören Angriffe, Bedrohungen oder Sachbeschädigungen. Rechnerisch waren das rund 24 Vorfälle am Tag und 77 Prozent mehr als im Jahr davor. Die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher liegen. Das bedeutet: Antisemitismus ist derzeit in Deutschland wieder auf dem Vormarsch.
Volksverhetzung als rechtliche Folge von Antisemitismus
Ja. In Deutschland sind antisemitische Äußerungen strafbar, vor allem dann, wenn sie den Tatbestand der Volksverhetzung nach Paragraf 130 des Strafgesetzbuches erfüllen. Dazu gehören etwa das Aufstacheln zu Hass oder Gewalt gegen Juden, das Verächtlichmachen der Menschenwürde oder das Billigen, Leugnen oder grobe Verharmlosen des Holocaust.
Politische Kritik an Entscheidungen oder Gesetzen des Staates Israel ist nicht automatisch antisemitisch und daher selbstverständlich erlaubt – so wie bei jedem anderen Staat auch, betont Professorin Rudnick. Antisemitisch wird Kritik aus ihrer Sicht dann, wenn sie judenfeindliche Muster benutzt, Doppelstandards anlegt oder Israel dämonisiert.
Antisemitismus beginnt, wo Kritik an Israel unsachlich wird
„Wenn Israel als grundsätzlich ‘böse’, ‘teuflisch’ oder als Hauptverursacher allen Leids dargestellt wird, verlässt die Kritik die sachliche Ebene“, sagt Rudnick. Gleiches gelte, wenn von Israel Dinge verlangt werden, die von keinem anderen Staat gefordert werden. Antisemitisch sei es, Israel das Existenzrecht abzusprechen. Antisemitisch sei es auch, Jüdinnen und Juden weltweit für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich zu machen.
