Auch 60 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod gehört der frühere US-Präsident John F. Kennedy zu den bekanntesten Persönlichkeiten des Planeten. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erklärt der Trierer Soziologe und Kommunikationswissenschaftler Michael Jäckel, warum das so ist. Jäckel war von 2011 bis vor wenigen Wochen Präsident der Universität Trier.
KNA: Herr Professor Jäckel, was macht John F. Kennedy aus Sicht des Soziologen und Kommunikationsforschers so interessant?
Jäckel: Er galt als “best-seller”, wusste um die große Bedeutung öffentlicher Signale. Nehmen wir das erste TV-Duell in der Geschichte der US-Präsidentschaftswahlkämpfe zwischen Kennedy und Richard Nixon am 26. September 1960. Es zeigte, welche Rolle das Fernsehen für die politische Meinungsbildung im weitesten Sinne spielt. Kennedy präsentierte sich bestens vorbereitet, schaute in die Kamera, hatte ein perfekt aufgestelltes Team im Rücken mit Ted Sorensen, der es schaffte, durch kurze, prägnante Sätze Botschaften auf den Punkt zu bringen. Er sprach nicht zu den anwesenden Journalisten, sondern zum Wahlvolk.
KNA: Und Nixon…
Jäckel: …war gesundheitlich nicht auf der Höhe, schlecht rasiert, kannte offenbar noch nicht so recht die Spielregeln des Mediums, verzettelte sich, agierte wie ein Anwalt. Das TV-Duell jedenfalls führte dazu, dass man Kennedy als aufstrebende Persönlichkeit wahrnahm, von der eine gute Ausstrahlung ausging. Und der mit seinem Auftreten eine Blaupause für die Kommunikation in einem damals aufstrebenden Medium lieferte.
KNA: Stehen wir mit Blick auf die Sozialen Medien vor einer ähnlichen Zeitenwende, was Kommunikation und Politik angeht?
Jäckel: Durch die Zunahme der Kanäle und der Beobachter wird es für Politiker zu einer großen Herausforderung, ein Image aufzubauen und es dann auch wechselnden Zielgruppen gegenüber aufrechtzuerhalten. Kennedy hatte es insofern noch deutlich leichter. Ihn umgab eine Aura, die nicht gleich – wie etwa im Falle Barack Obamas – durch Influencer und andere demontiert werden konnte. Kennedy bleibt ein Mythos – auch wenn in den inzwischen rund 2.000 Büchern über ihn deutlich wird, dass nicht alles so glanzvoll war, wie es seinerzeit gern wahrgenommen wurde. In der politischen Kommunikation, die wir heute kennen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass so etwas noch einmal passiert. Die Zeit der Helden ist vorbei.
KNA: Führt diese Entwicklung aber nicht letzten Endes dazu, dass Politiker im Bemühen, nicht anzuecken und möglichst viele Kanäle zu bespielen, sich bis zur Unkenntlichkeit verbiegen. Dass Politik im eigentlichen Sinne vielleicht kaum mehr in der Öffentlichkeit stattfindet, sondern nur noch Inszenierung?
Jäckel: Das Misstrauen in der Gesellschaft ist größer geworden. Das Publikum hat spätestens mit den Sozialen Medien einen quasi detektivischen Anspruch an den Politiker als öffentliche Person, ohne wirklich in die Tiefe gehen zu wollen. Gleichzeitig gibt es nur noch wenige große Ideen, auf die sich eine Gesellschaft verständigen kann. “Confidence Gap” – das ist nicht mehr nur die Beschreibung eines Zustands, sondern Ergebnis eines aktiv richtenden Publikums.
KNA: Das heißt?
Jäckel: Je spezifischer ein Politiker wird, je ausgefeilter das Programm seiner Partei, desto kontroverser fallen im Anschluss die Diskussionen aus. Es sind keine Paraden mehr, die man abläuft. Das Geschäft von Spitzenpolitikern gleicht eher einem endlosen Hürdenlauf.
KNA: Vor 60 Jahren fiel Kennedy einem Attentat zum Opfer. Die Umstände sind bis heute Gegenstand von Spekulationen. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
Jäckel: Dieser 22. November 1963 in Dallas existiert in unserer kollektiven Erinnerung als eine Collage von Beobachtungen. Ein Leibwächter meldet sich zu Wort, Zeitzeugen erinnern sich, das Puzzle hat keine definierte Zahl an Einzelteilen. All das regt die Fantasie vieler Menschen an – auch wenn eine offizielle Kommission zu dem Schluss kam, dass es Lee Harvey Oswald war, der drei Schüsse auf Kennedy abfeuerte. Und dass es danach keinen zweiten Schützen gab.
KNA: Noch heute gilt manch einem Oliver Stones Kino-Drama “JFK” von 1991 als Referenz. Warum?
Jäckel: Weil er letzten Endes mit dieser Mischung aus Fakten und Emotionen die Lust des Publikums am Detektivischen bedient hat. Das ändert nichts daran, dass der Film gut gemacht ist – ein Drama für eine dramatisierte Gesellschaft. Aber er hat erneut Öl ins Feuer gegossen – und spätestens in zehn Jahren werden wir uns sicher wieder über Kennedy unterhalten.
KNA: Tja…
Jäckel: Es ist ein eigener Markt entstanden, der immer wieder neue Bücher und Filme generiert. Ähnlich verhält es sich mit dem 1989 eröffneten “The Sixth Floor Museum at Dealey Plaza” in Dallas. Am Anfang orientierte sich das Museum noch in erster Linie an denen, die das Attentat entweder an dem Tag im Radio oder dann zeitversetzt im Fernsehen miterlebt hatten oder gar am Straßenrand standen.
KNA: Und heute?
Jäckel: Wird das Publikum mit “Prothesen” versorgt, wie das ein US-Historiker mal beschrieben hat. Interaktive Stationen ermöglichen das Eintauchen in eine virtuelle Realität. Die Besucher können sich – eben ganz wie Detektive – selbst auf die Spuren des Attentats begeben. An dem Ort, wo Lee Harvey Oswald die Schüsse auf Kennedy abgab.
KNA: Was bleibt von Kennedy?
Jäckel: Er hat der Politik, die man gemeinhin als eher kalt und technokratisch wahrnimmt, Glanz verliehen. Seine Aura, dieses Camelot-Projekt, das aus dem Weißen Haus eine moderne Inszenierung von König Artus machen wollte, das quasi-aristokratische Image der Kennedys. All das hat dafür gesorgt, dass Kennedy zu einem jener “High Holidays of Mass Communication” wurde. Also zu einem der Phänomene, die eine enorme Reichweite hatten und haben – rund um den Globus.